Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

76  Zweiter  Teil.  Lande!.  III.  Zur  Geschichte  von  Lande!  und  Industrie.
vermocht  hat,  sondern  auch  im  fremden  Zwischenhandel  eine  Bedeutung  zu  gewinnen,
der  die  keines  anderen  Volkes  gleichkam.  Mehr  ist  in  unseren  glücklichen  Tagen  auch
nicht  erreicht;  im  Gegenteil,  man  kann  sagen,  daß  wir  von  einer  derartigen  Stellung
innerhalb  des  gegenwärtigen  Verkehrslebens  noch  recht  weit  entfernt  sind,  auch  hinzufügen, ­
  daß  wir  geringe  Aussicht  haben,  sie  je  wieder  völlig  zu  erringen.  Denn  die
Tatsache,  daß  sich  die  Engländer  in  ihrein,  dem  alten  hansischen  ähnlichen,  kaum  wesentlich ­
  stärkeren  Übergewicht  allem  Anscheine  nach  auch  nicht  zu  behaupten  vermögen,
spricht  nicht  dafür,  daß  es  sobald  wieder,  wenn  überhaupt  je,  irgend  einer  Nation  gelingen ­
  werde,  eine  Stellung  zu  gewinnen,  wie  sie  erst  die  Lause,  dann  die  Niederländer
und  nun  seit  fast  zwei  Jahrhunderten  die  Engländer  inehr  oder  weniger  umstritten  behauptet ­
  haben.
Die  deutsche  Lanse  hat  aber  noch  das  weitere  Verdienst,  daß  sie  dem  kaufmännischen ­
  und  seemännischen  Anternehmungsgeiste,  dem  kühnen  Wagemute,  der  die
Gefahren  der  Wogen  und  der  Fremde  nicht  scheut,  in  unserem  Volke  eine  dauernde
Stätte  bereitet  hat.  Die  Lanse  ist  es  gewesen,  die  Städtewesen  und  Bürgertum  im
Gebiet  der  norddeutschen  Tiefebene  von  den  Mündungen  des  Rheines  bis  hinein  in
die  fremden  Völkerschaften  an  den  ostbaltischen  Gestaden  gefördert  und  zur  Geltung
gebracht  und  damit  einen  Kulturfaktor  eingeführt  hat,  ohne  den  an  eine  weit  ausgreifende, ­
  weltgeschichtliche  Entwickelung  nicht  zu  denken  war.  Als  die  Jahrhunderte
kamen,  wo  es  die  größte  Weisheit  wurde,  sich  mit  Schmiegsamkeit  und  Biegsamkeit,
mit  Llnverzagtheit,  Zähigkeit  und  Genügsamkeit  hindurchzuwinden  durch  die  Linderniffe,
welche  die  Weltlage  von  allen  Seiten  dem  deutschen  Seehandel  entgegentürmte,  da  bewährte ­
  sich  doch  der  gesammelte  Schatz  von  Erfahrung,  Geschäftskunde  und  Betriebsamkeit, ­
  von  wetterfestem  Mute  und  unbeugsamer  Entschlossenheit  und  hat  selbst  in
den  trübsten  Tagen  nicht  ganz  erschöpft  werden  können.  Auch  der  altgewonnene  Wohlstand, ­
  so  unentbehrlich  für  den  Landelsbeflissenen,  ist  nie  völlig  auf  die  Neige  gegangen.
So  sind  denn  die  hansischen  Bürgerschaften,  als  die  Gunst  der  Zeiten  sich  wendete,
alsbald  wieder  unter  den  ersten  auf  dem  Platze  gewesen.  Sie  betraten  mit  lebhaftester
Energie  die  Bahn,  die  sich  öffnete,  als  die  nordamerikanische  Llnion  sich  von  England
löste;  sie  waren  unter  den  frühesten,  als  es  galt,  mit  den  freigewordenen  spanischen
und  portugiesischen  Kolonien  Landels-  und  Schiffahrtsverträge  zu  schließen;  sie  waren
die  ersten,  die  eine  regelmäßige  Dampfschiffsverbindung  zwischen  dem  europäischen
Kontinent  und  den  Vereinigten  Staaten  zustande  brachten;  ihr  Lande!  und  ihre
Reederei  erwarben  sich  in  den,  neu  aufkommenden  ostasiatischen,  australischen  und  Pacificverkehr
  rasch  eine  Stellung.  Auch  der  kriegerische  Mut,  den  die  Vorfahren  so  oft
betätigt  hatten,  ist  ihren  Angehörigen  in  den  Tagen,  da  man  sich  ducken  mußte,  nicht
verloren  gegangen.  Gestalten  wie  die  des  Lamburger  Convoiführers  Karpfanger,  der
in  den  Jahren  1674—1683  mit  seinem  Fregattschiff  die  ihm  anvertrauten  Landelsflotten
  gegen  manchen  überlegenen  Kaperangriff  rühm-  und  erfolgreich  verteidigte,  die
des  Lübeckers  Johann  Joachim  Schumann,  der  1817  sein  von  algerischen  Korsaren
auf  der  Löhe  von  Lissabon  genommenes  und  mit  elf  Piraten  besetztes  Schiff  selbfünf
zurückeroberte,  und  ähnliche  belegen  das.  Die  öffentlichen  Gewalten,  die  den  Landelsund
  Schiffahrtsstand  zu  vertreten  hatten,  fanden  für  derartige  Kräfte  immer  weniger
Verwendung,  je  mehr  sie  sich  genötigt  sahen,  ihre  Sache  auf  die  Künste  der  Diplomatie
  zu  stellen.  Aber  der  klarblickende  Bremer  Bürgermeister  Smidt  hatte  so  unrecht
nicht,  wenn  er,  unter  Anspielung  auf  die  Leldenschar  des  Braunschweiger  Lerzogs,
in  Männern  wie  Schumann  das  „Cadre  zu  einer  Schar  hansischer  See-Totenköpfe"
erblickte.  Was  an  wirtschaftlicher,  an  sittlicher  und  kriegerischer  Kraft  in  der  städtischen
und  ländlichen  Bevölkerung  unserer  Küstengebiete  steckt,  ist  jetzt  zusammengefaßt  in  den
Rahmen  des  Reiches  und  hat  dadurch  die  Möglichkeit  gefunden,  sich  mit  Aussicht  auf
Erfolg  auf  einem  weiteren  Felde  zu  betätigen,  als  den  hansischen  Vorfahren  vergönnt
            
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