Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

80  Zweiter  Teil.  Landet.  III.  Zur  Geschichte  von  Lande!  und  Industrie.

allmähliche  Besserung  der  Zustände  im  18.  Jahrhundert,  die  freilich  ebenfalls  noch
kümmerlich  genug  bleiben,  an.  Im  Jahre  1715  konnte  Paul  Jakob  Marperger  in
seinem  „getreuen  und  geschickten  Landels-Diener"  bereits  die  Meinung  äußern,  daß
„es  heutiges  Tags  mit  der  Kauffmannschafft  ein  gantz  anderes  Ansehen  gewonnen,  als
es  vor  diesem  damit  gehabt".

8.  Süddeutsche  Industrie  im  Zeitalter  des  Merkantilismus.
Von  Eberhard  Gothein.
Gothein,  Wirtschaftsgeschichte  des  Schwarzwaldes  und  der  ailgreiizenden  Landschaften.
\.  Bd.  Straßburg,  Karl  I.  Trübner,  *892.  S.  45—48.
In  der  Wertschätzung  der  Großindustrie  kamen  alle  Staatsmänner  der  merkantilistischen
  Epoche  überein;  sie  bewunderten  sie  um  ihrer  wirtschaftlichen  wie  um  ihrer
sozialen  Vorzüge  willen.  In  der  Art  der  Einführung  aber  machen  sich  alsbald  die
Unterschiede  geltend,  und  diese  führen  sich  großenteils  auf  die  Vorbilder  zuriick,  denen
man  nachfolgte.
Das  allbewunderte  Musterland  des  17.  Jahrhunderts*)  ist  Lolland,  das  des
18.  Frankreich,  und  schon  macht  sich  am  Ende  dieser  Epoche  in  einzelnen  Vorläufern
die  Bewunderung  Englands  geltend,  die  dann  im  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  voll
zum  Durchbruch  kommt.  Im  Anschluß  an  Lolland  wird  das  erste  große  Wirtschaftspolitische
  Experiment  nach  dem  Dreißigjährigen  Kriege  gemacht:  die  Neugründung  Mannheims ­
  durch  den  Kurfürsten  Karl  Ludwig  von  der  Pfalz.  Als  Vorort  der  Niederlande ­
  ist  die  neue  Landelsmetropole  des  Oberrheins  gedacht  worden.  Lolländer,  Engländer ­
  und  Franzosen  zog  der  Kurfürst  für  diese  Kolonie  herbei;  er  verlieh  ihnen  völlige
Zollfreiheit  und  versprach  ihnen,  daß  hier  niemals  eine  Zunft  eingerichtet  werden  solle,
daß  jeder  so  frei  wie  in  Lolland  handeln  und  wandeln  dürfe.  Er  hat  es  in  der  Tat
erreicht,  daß  binnen  kurzem  eine  bedeutende  Stadt,  die  in  ihrer  mathematischen  Regelinäßigkeit
  den  Zeitgenossen  als  Muster  galt,  erblühte.  Die  Unternehmung  im  großen
Stile,  selbst  eine  ganz  moderne  Bauspekulation  ward  in  Mannheim  herrschend.  Sogar
das  Landwcrk  gestaltete  sich  hier  zum  Unterschied  von  allen  andern  deutschen  Städten
als  Großbetrieb.  Als  man  im  18.  Jahrhundert,  nachdem  Mannheim  bereits  eine
müßige  Residenzstadt  geworden  war,  auch  hier  das  Zunftwesen  einführte,  konnte  man
doch  die  erlaubte  Gesellenzahl  nicht  unter  sechs  Herabdrücken.  Die  Tuchmacherei,  von
Nordfranzosen  eingeführt,  erlangte  zuerst  Bedeutung.  Regelinäßige  Postkurse  reichten
von  Mannheim  bis  Sedan,  das  zugleich  der  Mittelpunkt  des  französischen  Protestantismus ­
  und  der  französischen  Tuchindustrie  war,  und  hielten  die  Geschäftsverbindungen ­
  aufrecht.  Wichtiger  noch  ward  die  Umgestaltung  des  Ackerbaus  durch  die
Einführung  des  Krapps  und  des  Tabaks,  die  den  Mannheimer  Industriellen  zu  danken
ist.  Es  war  ein  reiches,  geistig  mannigfach  angeregtes  Leben,  das  sich  dergestalt  auf
der  Neckarspihe  entfaltete,  bis  ihm  die  erneute  Zerstörung  Mannheims  in  dem  Verwüstungskrieg ­
  Ludwigs  XIV.  ein  jähes  Ende  bereitete,  ohne  doch  völlig  seinen  Samen
ausrotten  zu  können.
Die  Erfolge  Karl  Ludwigs  mußten  zum  Wetteifer  reizen.  Vielfach  hat  man
sich  bemüht  nach  dem  Vorbild  Mannheims  solche  Landels-  und  Jndustrieinseln  her-*)
  Ls  ist  wohl  kaum  zu  bemerken  nötig,  daß  das  wort  Jahrhundert  hier  und  sonst  nicht
im  strikten  Zahlensinne  zu  nehmen  ist.
            
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