Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

8.  Süddeutsche  Industrie  im  Zeitalter  des  Merkantilismus.  81
zustellen.  Die  badischen  Markgrasen  haben  wiederholt  versucht,  Pforzheim  in  diese
Richtung  zu  drängen.  Freilich  hätte  man  vergeblich  das  deutsche  Bürgertum  aus  sich
heraus  zu  solcher  Tätigkeit  umgestaltet.  Lierzu  bedurfte  es  fremder  Elemente.  In
den  französischen  Auswanderern,  die  dem  Glaubensdrucke  Ludwigs  XIV.  entflohen,  fand
man  sie.  Es  war  schon  viel,  wenn  man  sich  mit  der  Loffnung  tragen  konnte,  daß  sie
gleich  einem  Sauerteig  wirken,  daß  sie  die  träge  Masse  durchdringen  und  nach  ihrer
Eigenart  umwandeln  würden.  Diese  Refugies  sind  es,  welche  den  Samen  der  modernen
Großindustrie  durch  ganz  Europa  getragen  haben;  losgelöst  von  ihrem  heimischen  Boden,
auf  die  eigene  Kraft  und  auf  fürstliche  Gnade  gestützt,  haben  sie  die  individuelle  Wirtschaftsweise, ­
  die  Ausbildung  des  Großkapitales,  wohin  sie  auch  kamen,  gefördert,
hierbei  war  ihre  religiöse  und  nationale  Isolierung  —  denn  als  Reformierte  standen
sie  doch  stets  den  Lutheranern  ferm  —  ein  weiterer  Sporn  des  Äandelsgeistes  und  ein
entschiedener  Vorteil.  Deirn  durch  sie  ward  es  den  kleinen  Gemeinden  zur  Notwendigkeit
gemacht,  bei  räumlicher  Trennung  ihren  geistigen  Zusammenhang  zu  bewahren;  und
so  stellte  sich  fast  von  selber  ein  Netz  von  Handelsverbindungen  her,  das  über  ganz
Europa  seine  Maschen  verbreitete.  Freilich  blieben  außer  den  Gewerbetreibenden  in
Mannheim  fast  nur  die  französischen  Bauern  dem  gefährdeten  oberrheinischen  Lande
treu;  aber  immerhin  hat  in  der  großen  Wanderung  der  Refugies  nach  dem  Osten
Baden  als  Etappe  seine  Rolle  gespielt.
Eine  solche  Neubelebung  des  städttschen  Gewerbfleißes,  wie  sie  den  romanischen
Einwanderern  zu  danken  war,  genügte  den  Absichten  nicht,  uin  derentwillen  man  die
Industrie  zu  fördern  gedachte.  Im  Gegenteil:  wohin  sie  kamen,  gerieten  sie  in  Widerspruch ­
  mit  den  ortsansässigen  Bürgerschaften.  Mißtrauisch  und  scheel  sahen  diese  auf
den  Fremden,  der  sie  in  ihrem  Erwerb  bedrohte  und  noch  dazu  von  den  Lasten  freigelassen
  war,  die  sie  zu  tragen  hatten.  Zur  industriellen  Schulung  und  Beschäftigung
des  Landvolks  waren  die  Refugies  außerdem  nur  selten  zu  gebrauchen.
Am  die  Organisation  dieser  ländlichen  Arbeiterschaften  durchzuführen,  hatte  man
ein  anderes  Muster:  die  Calwer  Zeugkompagnie.  In  Württemberg  hatte  man  den
Weg,  der  im  Jahre  1602  eingeschlagen  worden  war,  nach  dem  Ende  des  Krieges
mit  größeren:  Nachdruck  wiederaufgenommen.  Die  bürgerliche  Aristokratie,  die  unter
der  Form  einer  ständischen  Verfassung  in  Württemberg  herrschte,  besaß  eine  innerliche ­
  Wahlverwandtschaft  mit  der  kapitalistischen  Industrie.  Von  alters  her  hatte  in
den  Talern  des  Württembergischen  Schwarzwaldes  die  Wollenweberci  ihren  Sitz  gehabt
und  hatten  die  ländlichen  Kleinmeister  ihre  Zeuge  nach  Calw  zum  Färben  geliefert.
Bald  nach  der  Wiederherstellung  des  Friedens  ward  nun  die  Calwer  Färberzunst
umgestaltet  zu  einer  Fabrik-  und  Landelskompagnie.  Durch  Staatsgesetz  ward  ein
Vertrag  zwischen  dieser  und  den  gesamten  Webern  der  umliegenden  Kreise  festgestellt,
vermöge  dessen  die  Kompagnie  beständig  Arbeit  zu  geben  verpflichtet  war,  auch  die
Erteilung  der  Lehre  über  sich  nahm,  während  die  Weber  in  die  Fabrik  gebannt  wurden,
d.  h.  für  sie  arbeiten  mußten  und  für  niemand  sonst  arbeiten  durften.
Erstaunlich  rasch  gedieh  das  Anternehmen.  Schon  wenige  Jahre  später  bezog  die
Kompagnie  bereits  fremdländische  Wolle,  und  wie  einst  die  Augsburger,  so  beherrschten
jetzt  die  Calwer  Landelsherren  die  Märkte  Südeuropas.
Auch  Landschaften,  die  heute  zu  Baden  gehören,  zog  die  Zeugkompagnie  in  den
Kreis  ihrer  Tätigkeit.  Sie  pachtete  Farbwerke,  die  der  Abt  von  Gengenbach,  Bergwerke, ­
  die  der  Graf  von  Fürstenberg  im  Kinzigtal  angelegt  hatte.  Sie  machte  Calw
zum  Mittelpunkt  der  Württembergischen  Industrie,  indem  teils  an  sie  angelehnt,  teils
nach  ihrem  Vorbilde  eine  Reihe  anderer  Handelsgesellschaften  daselbst  entstanden.
Es  ist  ein  denkwürdiges  Schauspiel,  wie  diese  beiden  deutschen  Landschaften,  die
vielleicht  unter  allen  am  meisten  vom  Dreißigjährigen  Kriege  gelitten  hatten,  die  Pfalz
und  Württemberg  sich  am  raschesten  erholten  und  fast  in  demselben  Augenblick,  da
Mo  Hat,  Volkswirtschaftliches  Lesebuch.  0
            
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