Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

82 Zweiter Teil. Lande!. III. Zur Geschichte von Landet und Industrie. 
sie aus der äußersten Zerrüttung ihre Kräfte sammelten, auch schon mit kühnem 
Wagnis in die Ferne griffen, um außerhalb Deutschlands den Absah für ihre Produkte 
zu suchen. Dennoch spiegeln sie die beiden Gegenpole deutschen Lebens wieder. In 
der Pfalz wird das freisinnige reformierte Beamtentum hingerissen von dem persön 
lichen Zauber eines geistvollen Fürsten, der sich in den gewagtesten Ideen eines neuen 
Zeitalters bewegt; ein Land ohne Stände, ohne verfassungsmäßige Rechte, aber zugleich 
bewohnt von einem Volke, leichtlebig und unternehmungslustig, das die wirtschaftliche, 
gesellige, religiöse Freiheit wie kein anderes genießt. Dieses Land, dieses Volk öffnen 
sich der hugenottischen Einwanderung, die hier Glaubcnsverwandte antraf und ein völlig 
neues Bürgertum schuf. 
In Württemberg dagegen sehen wir einen ständisch-patrizischen Staat, der immer 
am besten gedieh, wenn er untätige und leichtsinnige Fürsten an seiner Spitze sah. 
Das alte Bürgertum, welches auch die Beamtenschaft nur als feinen Ausschuß ansieht, 
bedeutet hier alles; streng geregelt nach der Schnur, wie sie die lutherische Orthodoxie 
und eine minutiöse Gesetzgebung gezogen haben, verläuft sein Leben; eifersüchtig schließt 
es sich gegen alles Fremde ab; aber es liegt genug Talent und Tatkraft in ihm selber, 
um das ungestraft tun zu können. — Nie hatten schwäbisches und fränkisches Wesen 
so scharf ihre Eigentümlichkeiten entwickelt als in dieser Zeit, die doch aller deutschen 
Eigenart ein Ende zu machen schien! 
9. Der Straßburger Handel am Anfange des 19. Jahrhunderts. 
Von Lu go Laug. 
ftaug, Die Handelskammer zu Straßburg i. §. ;80Z—;yoz. Festschrift. Straßburg, Lls. 
Druckerei und Verlagsanstalt, vorm. G. Fischbach, tstOZ. S. 55—65. 
An der Kreuzung zweier großer Verkehrsstraßen und zugleich am Endpunkte der 
Großschiffahrt auf dem Rheine gelegen, war Straßburg schon durch seine natürliche 
Lage berufen, den Güteraustausch zwischen den Völkern Mitteleuropas zu vermitteln. 
Die Eigenart der Zollverhältnisse hatte im 18. Jahrhundert dem Straßburger Lande! 
die volle Ausnutzung dieser Lage gestattet und den Transitverkehr durch das Elsaß zu 
einem großen Aufschwünge gelangen lassen. Das Elsaß wurde auch nach seiner An 
gliederung an Frankreich von diesem als Zollausland behandelt; es gehörte zu den 
provinces reputee8 etrgnZere8. Die Stadt Straßburg war im Besitze ihrer alten 
Zollprivilegien geblieben. Der Transit der ausländischen Güter durch das Elsaß unterlag 
nur einem geringen Durchgangszoll und war mit keinerlei erschwerenden Formalitäten 
verbunden. Von Frankfurt und Mainz brachten die Straßburger Schiffer Güter aller 
Art nach Straßburg, von wo sie auf Lastfuhrwerken nach der Schweiz, Italien und 
Südfrankreich versandt wurden, und in umgekehrter Richtung wieder wurden in Straß 
burg die Landesprodukte des Elsasses und der angrenzenden Provinzen, sowie italienische 
uud schweizerische Waren gesammelt, um rheinabwärts nach Norddeutschland und nach 
Lolland befördert zu werden. Die Schweiz allein bezog aus Lolland und Frank 
furt a. M. über 100 000 Zentner Waren; acht Zehntel dieser Güter nahmen — wie 
in einer der zahlreichen Denkschriften der Landelskammer über diesen Gegenstand 
erwähnt wird — vor der Revolution ihren Weg durch das Elsaß; 5—6000 Fuhr 
leute und 20—24000 Pferde bewälügten diesen Verkehr und brachten dem ganzen 
Elsaß jahraus jahrein die mannigfachsten Einnahmen.
	        
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