293
konnte, das empfindlichste Organ des volkswirtschaftlichen
Körpers, dasjenige, das auf alle Eindrücke und Einflüsse am
schnellsten reagierte. Die Besorgnis vor einem Ende
günstiger Industrie- und Verkehrs-Konjunkturen trat daher
bei uns in der Bewegung der Börsenwerte stets am frühesten
und nachhaltigsten in die Erscheinung. In den Vereinigten
Staaten war seither eine gleiche Beziehung nicht vorhanden,
und ich glaube auch nicht, daß sie sich diesmal herausbilden
wird. Börsenkrisen hat es dort in allen Perioden gegeben,
selbst in solchen, in denen der Wohlstand des Landes un
zweifelhaft war und für lange Zeit unerschütterlich blieb. Wäre
in der Tat die jetzige amerikanische Börsenderoute auch als
Vorläuferin einer allgemeinen amerikanischen Krisis zu be
trachten, so hätten sich innerhalb von Handel, Gewerbe und
Verkehr schon ganz andere Symptome offenbaren müssen,
umsomehr als der Rückgang der Wertpapiere bereits mit
Beginn des Jahres eingesetzt hat. Das schließt nicht aus,
daß einzelne Trusts und Gesellschaften die Kursdepression
zu ihrem innern Vorteil ausnutzen. Sie verzichten vielleicht
auf den zur Zeit aussichtslosen Versuch, durch Erklärung
hoher Dividenden den Kurs ihrer eigenen Aktien auf den
früheren Stand zurückzubringen, und begnügen sich mit der
Ausschüttung einer geringeren Dividende, die den tatsäch
lichen Verhältnissen besser entspricht. Dadurch erreichen sie
Schonung ihrer finanziellen Kräfte, geordnetere Verhältnisse
und positive Stärkung. Wenn im übrigen auch Börsenkrisen
drüben zeitlich einmal mit einer abgleitenden Industriebewe
gung zusammenfallen können, so liegt doch gegenwärtig über
wiegend und wesentlich nur ein Börsenläuterungsprozeß vor.
Damit hat sich zugleich eine Reinigungsaktion angebahnt, die,
über Wallstreet hinaus, in gewisse fraudulöse Gründungs- und
Geldbeschaffungsvorgänge innerhalb großer Industrie-Unter-
*
nehmungen grell hineinleuchtend, ähnliche Machenschaften