Full text : Die Reichseisenbahnen

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Zum  Verständnis  und  zur  Begründung  dieser  Behauptung  muß  mit
ein  paar  Worten  über  die  innere  Einheit  von  Verkehr  und  Betriebsleitung ­
  etwas  weiter  ausgeholt  werden.
Treffend  nennt  man  die  Verkehrsstrahen  unseres  Landes  „Verkehrsader ­
  n",  denn  sie  sind  lebensnotwendige  Organe  des  Wirtschaftskörpers. ­
  Geht  man  allein  von  gesunden  wirtschaftlichen  Gesichtspunkten ­
  aus,  so  ist  das  Verkehrsnetz  eines  Landes  ein  organisches
Ganzes  und  so  wenig  teilbar  oder  trennbar  wie  das  Netz  der  Adern
im  Menschenleibe.  Einem  einheitlichen  Wirtschaftskörper ­
  muß  ein  einheitliches  Verkehrsnetz  entsprechen. ­

Wie  steht  es  hiermit  bei  uns?  Nach  seinen  natürlichen  Lebensbedingungen ­
  ist  Deutschland  ein  einheitlicher  Wirtschaftskörper.  Die
Grenzen  der  einzelnen  Bundesstaaten  sind  politische,  keine  wirtschaftlichen ­
  Grenzlinien.  Die  wirtschaftliche  Einigung,  der  Zollverein,  war
sogar  der  Vorläufer  der  politischen  Einigung.
Anders  aber  war  das  Schicksal  des  deutschen  Verkehrsnetzes.  Bis
in  das  Ende  der  70er  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts,  also  noch  Jahre
nach  der  Reichsgründung,  war  es  völlig  zersplittert.  Ja  es  herrschte
damals  eine  Art  Eisenbahnanarchie.  Es  ist  eins  der  unsterblichen ­
  Verdienste  Bismarcks  um  sein  Land,  hier  eingegriffen  zu  haben.
Freilich  sein  weitblickender  Plan,  Reichseisenbahnen  zu  schaffen,  scheiterte.
Er  scheiterte  an  dem  Partikularismus  der  größeren  Bundesstaaten.
Jeder  baute  für  sich  innerhalb  seiner  Grenzen  sein  Eisenbahnnetz  aus,
durchaus  nicht  immer  im  freundnachbarlichen  Benehmen.  Die  Verheißung ­
  der  Reichsverfassung,  die  ein  „einheitliches  Netz"  der  deutschen
Eisenbahnen  wollte,  blieb  unerfüllt.  Die  politischen  Grenzen  der
Bundesstaaten  schneiden  quer  durch  die  großen  Verkehrsadern  Deutschlands.
Die  gewaltige  Entwicklung,  dis  das  deutsche  Wirtschaftsleben  von
1890  bis  1914  erfuhr,  wie  die  furchtbaren  Erfahrungen  des  Weltkrieges
machen  diesen  Druck,  diese  Einschnürungen  des  Verkehrs  immer  empfindlicher, ­
  ja,  diese  drohen  lebensgefährlich  zu  werden.
Daß  das  nicht  jedermann  zum  Bewußtsein  kommt,  liegt  daran,
daß  wir  der  Regel  nach  die  Eisenbahn  nur  als  Reisemittel  für  Personen
kennen  lernen  und  würdigen.  Für  unser  Wirtschaftsleben  wichtiger
aber  ist  der  Güterverkehr  auf  der  Eisenbahn.  Durch  die  Eisenbahn
vollzieht  sich,  so  darf  man  in  kurzen  Worten  sagen,  unser  wirtschaftlicher ­
  Blutumlauf.  Dieser  hat  gewisse  Zentralpunkte,  das  sind
die  großen  Erzeugungsgebiete  und  die  großen  Mittelpunkte  des  Bedarfs.
Diese  Zusammendräng  ung  von  Erzeugung  undBedarf
ist  kennzeichnend  für  die  moderne  Wirtschaft.  Millionenstädte  wie  Groß-Berlin
  mit  seinem  Riesenbedarf  an  Gütern  aller  Art,  namentlich  Rohstaffen ­
  und  Lebensmitteln,  seinem  gewaltigen  Versand  an  Gütern,  mit
            
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