41
Zum Verständnis und zur Begründung dieser Behauptung muß mit
ein paar Worten über die innere Einheit von Verkehr und Betriebs
leitung etwas weiter ausgeholt werden.
Treffend nennt man die Verkehrsstrahen unseres Landes „Ver
kehrsader n", denn sie sind lebensnotwendige Organe des Wirt
schaftskörpers. Geht man allein von gesunden wirtschaftlichen Gesichts
punkten aus, so ist das Verkehrsnetz eines Landes ein organisches
Ganzes und so wenig teilbar oder trennbar wie das Netz der Adern
im Menschenleibe. Einem einheitlichen Wirtschafts
körper muß ein einheitliches Verkehrsnetz ent
sprechen.
Wie steht es hiermit bei uns? Nach seinen natürlichen Lebens
bedingungen ist Deutschland ein einheitlicher Wirtschaftskörper. Die
Grenzen der einzelnen Bundesstaaten sind politische, keine wirtschaft
lichen Grenzlinien. Die wirtschaftliche Einigung, der Zollverein, war
sogar der Vorläufer der politischen Einigung.
Anders aber war das Schicksal des deutschen Verkehrsnetzes. Bis
in das Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, also noch Jahre
nach der Reichsgründung, war es völlig zersplittert. Ja es herrschte
damals eine Art Eisenbahnanarchie. Es ist eins der unsterb
lichen Verdienste Bismarcks um sein Land, hier eingegriffen zu haben.
Freilich sein weitblickender Plan, Reichseisenbahnen zu schaffen, scheiterte.
Er scheiterte an dem Partikularismus der größeren Bundesstaaten.
Jeder baute für sich innerhalb seiner Grenzen sein Eisenbahnnetz aus,
durchaus nicht immer im freundnachbarlichen Benehmen. Die Ver
heißung der Reichsverfassung, die ein „einheitliches Netz" der deutschen
Eisenbahnen wollte, blieb unerfüllt. Die politischen Grenzen der
Bundesstaaten schneiden quer durch die großen Verkehrsadern Deutschlands.
Die gewaltige Entwicklung, dis das deutsche Wirtschaftsleben von
1890 bis 1914 erfuhr, wie die furchtbaren Erfahrungen des Weltkrieges
machen diesen Druck, diese Einschnürungen des Verkehrs immer empfind
licher, ja, diese drohen lebensgefährlich zu werden.
Daß das nicht jedermann zum Bewußtsein kommt, liegt daran,
daß wir der Regel nach die Eisenbahn nur als Reisemittel für Personen
kennen lernen und würdigen. Für unser Wirtschaftsleben wichtiger
aber ist der Güterverkehr auf der Eisenbahn. Durch die Eisenbahn
vollzieht sich, so darf man in kurzen Worten sagen, unser wirtschaft
licher Blutumlauf. Dieser hat gewisse Zentralpunkte, das sind
die großen Erzeugungsgebiete und die großen Mittelpunkte des Bedarfs.
Diese Zusammendräng ung von Erzeugung undBedarf
ist kennzeichnend für die moderne Wirtschaft. Millionenstädte wie Groß-
Berlin mit seinem Riesenbedarf an Gütern aller Art, namentlich Roh
staffen und Lebensmitteln, seinem gewaltigen Versand an Gütern, mit