Full text : Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland

stück,  daß  mehrere  Spindeln  auf  einem  Rahmen  nebeneinander  aufgereiht ­
  und  durch  ein  und  dasselbe  Trittrad  in  Bewegung  gesetzt
werden  konnten.  R.  Arkwright  —  nach  einer  anderen  Version
gebührt  die  Priorität  in  bezug  auf  die  Erfindung  der  Spinnmaschine
seinem  Landsmann  John  Wyatt  —  erfand  im  Jahre  176g  die  „Waterframe“,
  so  genannt,  weil  sie  für  Wasserbetrieb  eingerichtet  war.  Das
Prinzip  dieser  Spinnmaschine  beruht  darauf,  daß  bei  ihr  das  Ausziehen, ­
  Drehen  und  Aufwickeln  des  Fadens  gleichzeitig  erfolgt.
Samuel  Crompton  bekam  zehn  Jahre  später  ein  Patent  auf  eine
Maschine,  die  die  Vorzüge  jener  beiden  vereinigte,  die  sog.  Mule-Jenny.
Die  Wasser-  und  die  Mulespinnmaschine  sind  heute  noch,  freilich  mit
mannigfachen  Verbesserungen,  allenthalben  in  Gebrauch.  Etwa
50  Jahre  nach  den  genannten  Erfindungen  gelang  es,  im  wesentlichen
das  Ziel  zu  erreichen,  die  Spinnmaschinen  zu  selbsttätig  wirkenden
zu  machen  (selfactor).  Auch  dies  Verdienst  kommt  einem  Engländer
zu:  Mr.  Roberts.  Das  Prinzip  des  mechanischen  Webstuhls  wurde
1785  von  Dr.  E.  Cartwright  gefunden.  Bis  dessen  Erfindung  freilich ­
  für  die  Praxis  brauchbar  wurde,  verging  noch  eine  Reihe  von
Jahren.  Die  Spinnmaschinen  und  der  mechanische  Webstuhl  hatten
eine  Lage  geschaffen,  die  insofern  unvollkommen  war,  als  die  Ausnützung ­
  der  maschinellen  Leistungsfähigkeit  eine  ganz  bedeutende
Steigerung  der  Baumwollerträge  zur  Voraussetzung  hatte 1 ).  Die
„Sawgin“  des  Amerikaners  Eli  Whitney  füllte  diese  Lücke  aus,
denn  durch  sie  wurde  erst  die  nötige  schnelle  und  billige  Entkörnung
  der  geernteten  Baumwolle  möglich.  Ihr  Erfolg  zeigt  sich  darin,
daß  die  Baumwollernte,  d.  i.  die  Menge  der  entkörnten  Baumwolle,
der  Südstaaten  der  Union  von  2  Milk  Pfd.  im  Jahre  1790  auf  io  Mill.
Pfd.  im  Jahre  1796,  knapp  zwei  Jahre  nach  der  Whitneyschen  Erfindung, ­
  stieg.  Vier  Jahre  später  betrug  sie  sogar  schon  40  Mill.  Pfd. 1  2 ).
Wir  sehen,  die  Begründer  der  modernen  Baumwollindustrie  sind
in  England  und  Amerika  zu  suchen.  Dies  Phänomen  bedarf  einer
kurzen  Begründung.
Die  Entstehung  der  englischen  Baumwollindustrie 3 )  fällt  in  eine
viel  spätere  Zeit  als  die  der  kontinentalen.  Erst  Ende  des  16.  Jahr1) ­
  Die  Nachfrage  nach  Baumwolle  wuchs  derartig,  daß  der  Preis  von  mazedonischer
Baumwolle,  der  in  dem  Zeitraum  1786—1795  durchschnittlich  35 2 / 3  Xlr.  pro  Ztr.  betrug,
im  Jahre  1799  bis  auf  65  Xlr.  stieg,  der  von  Smyrna-Baumwolle  sogar  bis  auf  70  Xlr.
(L.  Bein,  a.  a.  O.  Tabelle  la).
2)  Th.  Ellison,  Zur  Geschichte  des  Baumwollhandels  der  Vereinigten  Staaten,
Leipzig  1895,  S.  7.
3)  Vgl.  hierzu  G.  von  Schulze-Gävernitz,  Der  Großbetrieb,  Leipzig  1892,
S.  25  ff.
            
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