Full text: Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland

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denn der deutsche Garnzoll, der 1865 sogar wieder auf 2 Thlr. herab 
gesetzt worden war, war nicht imstande, die Spinnerei feinerer Garne 
wirksam zu schützen; damit war den Schweizer und englischen Garnen 
Tür und Tor geöffnet. Nach Herkners Berechnung 1 ) betrug der 
Zollsatz bei 
20 (französisch) 
2 5°/ 0 der Produktionskosten 
28 
16% „ 
34 
8°/o » 
80 
3% >, 
150 
1 % » » 
200 
0,5 °/o » 
Die Handelskammer in Augsburg bezeichnet in ihrem Bericht 
für 1869 den Zoll schon für Garne über No. 25 englisch (= No. 21 
französisch) als unzureichend 1 2 ). So wurde die elsässische Spinnerei 
geradezu gezwungen, sich ebenfalls der Fabrikation gröberer Nummern 
zuzuwenden 3 ). Dies führte alsbald zu einer Überproduktion, die zum 
Ausbruch der Krisis von 1874 und 1877 nicht wenig beitrug. 
Wenn also von einer überschwänglich günstigen Konstellation 
nach 1870/71 keine Rede sein kann, so nahm die Industrie immer 
hin an dem allgemeinen Aufschwung teil, weil die Kaufkraft der 
Bevölkerung gestiegen war; das zeigen die zahlreichen Lohner 
höhungen in den siebziger Jahren. Im Elsaß z. B. beträgt die Lohn 
steigerung in den Jahren 1860 bis 1878 5o°/ 0 4 ). Das bedeutete aber 
wiederum eine Verschlechterung der Lage der deutschen Industrie 
gegenüber der englischen. Deren Konkurrenz wurde noch deshalb 
um so fühlbarer, weil in dem bisherigen Hauptabsatzgebiet Englands, 
Nordamerika, eine eigene Industrie erstarkt war und weil in Ostasien 
Hungersnöte den Absatz erschwerten. Als dann in Deutschland 
selbst auf die „Gründerperiode“ eine allgemeine wirtschaftliche Depres 
sion folgte, die Kaufkraft der Bevölkerung plötzlich nachließ, wurden 
von allen Seiten Rufe nach Zollerhöhungen laut. 
1) H. Herkner a. a. 0. S. 283. 
2) Jahresbericht der Handels- und Gewerbekammer für Schwaben und Neuburg 
1869, S. 2. 
3) H. Herkner, a. a. O. S. 284. Reichsenquete für die Baumwoll- und Leinen 
industrie. Stenogr. Protokolle, S. 294, 373. 
4) G. von Schulze-Gävernitz, a. a. O. S. 133. Vergleichsweise beträgt sie im 
rheinisch-westfälischen Industriebezirk von 1869—1873 20—25 °/ 0 (Jahresbericht der Handels 
kammer zu München-Gladbach pro 1873, S. 8). Vgl. ferner die graphische Darstellung am 
Schluß der Arbeit.
	        
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