Full text: Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland

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Wohl aber hat die mangelnde Sicherheit und Stabilität der Baumwoll- 
märkte die Industriellen auf Abhilfe sinnen lassen. Denn gegen 
Überproduktion kann Einsicht und guter Wille mobil gemacht werden, 
gegen die Fluktuationen der Baumwollpreise dagegen ist der einzelne 
wehrlos. 
Das hat man nicht nur in Deutschland erkannt, sondern mehr 
noch in England, Frankreich und Belgien. Diese Länder sind in noch 
höherem Grade als Deutschland auf den Bezug der Baumwolle aus 
Nordamerika angewiesen. Es erscheint mir ferner nicht unwichtig, 
daß die Börsen in Liverpool, Havre, Antwerpen alle — im 
Gegensatz zu Bremen, wo die sogenannten cif-Verkäufe, d. h. Ver 
käufe nach Kost, Versicherung, Frachtbedingungen!), im Schwange 
sind — den Terminhandel kultivieren 1 2 ). Ob nun dies gerade die 
Ursache ist, daß die Spinner jener Länder unter der schlechten Ver 
fassung des New-Yorker Marktes mehr zu leiden hatten als die 
deutschen, will ich nicht untersuchen. Nach allem, was über die Verluste 
der Spinner bekannt geworden ist, ist es jedenfalls offenbar, daß die 
deutschen Spinner weniger schwer von den Wirkungen der amerika 
nischen Spekulation betroffen worden sind als diejenigen anderer 
Länder. Dennoch hat man auch in Deutschland keinen Augenblick 
daran gezweifelt, daß die Frage der Baumwollversorgung von inter 
nationaler Bedeutung ist. 
Nachdem Verhandlungen über eine allgemeine Produktions 
einschränkung und die Möglichkeit der Verbreitung der Baumwoll- 
kultur in nicht amerikanischen Ländern zwischen dem englischen, 
französischen und belgischen Spinnerkartell vorausgegangen waren, 
erfolgte Anfang April 1904 seitens der „English Master Cotton 
Spinners’-Federation“ im Verein mit dem Schweizer „Spinner-, 
Zwirner- und Weberverein“ eine Einladung an sämtliche Verbände 
von Baumwollspinnern und Baumwollindustriellen zu einem inter 
nationalen Kongreß. Dieser fand vom 23. bis 27. Mai 1904 in Zürich 
statt. Vertreten waren England, Deutschland, Frankreich, Rußland, 
Österreich, Belgien, die Schweiz, Italien und Portugal, allerdings fehlten 
die Vereinigten Staaten. Verhandelt wurde über Baumwollkultur, die 
Baumwoll-„Corner“ und über die Organisation der Industrie in Ver- 
1) Bedingungen der Bremer Baumwollbörse. Bremen 1901, §§ 88 ff. 
2) Über die Liverpooler Baumwollbörse vgl. C. J. Fuchs, Die Organisation des 
Liverpooler Baumwollhandels in Vergangenheit und Gegenwart. Schm oll ers Jahrbuch, 
Jahrg. 1890, S. 107 ff. (fußt auf Th. Ellison, The Cotton Trade of Great Britain, London 
1886.) Über die amerikanischen Baumwollbörsen vgl. M. B. Hammond, The Cotton 
Industry, Part I. Ithaca N.Y. 1897, S. 286 ff.
	        
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