Object: Neuere Zeit (Abt. 2)

Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißig jähr. Krieges. 405 
den Völkern der dicht wohnenden antiken Welt auffallende 
Tatsache, daß die Siedlungsgebiete der einzelnen germanischen 
Staaten von weiten, wüsten Grenzsäumen — und je weiteren, 
je mächtiger ein Volk war — umgeben waren: es ist der 
Ursprung des germanischen Begriffes der Mark. 
Innerhalb dieser einzelnen Staaten aber währte noch 
immer vieles von dem Seelenleben vergangener Zeiten fort; 
noch waren die einzelnen Personen im höchsten Grade ge— 
bunden an Dasein und Wirkungsformen ihres Geschlechts wie 
des Staates, dem dieses angehörte; noch konnte im regel— 
mäßigen Verlaufe des Lebens von einer freieren Bewegung 
der Personen, von einer Persönlichkeit mithin des einzelnen 
im besonderen, etwa gar individuellen Sinne nicht gesprochen 
werden; Staat und Geschlecht waren die leitenden Lebewesen, 
nicht der einzelne. Und das galt selbst für die höchsten Momente 
des öffentlichen Daseins, für die Bewährung in der Schlacht 
und für den politischen Rat im Frieden; der germanische 
Kämpfer kannte keine persönliche Kriegerehre, sondern schrieb 
den Ruhm seiner Taten seinem Führer, dem Häuptling des 
Geschlechtes zu; und der Germane als Bürger seines Staates 
nahm amtlich und öffentlich nicht persönlichen Anteil an der 
Beratung von dessen Wohl und Wehe, sondern kam nur in 
strikter Genehmigung oder Ablehnung der Ratschläge, die von 
dem Kreise der Geschlechterhäuptlinge ausgingen, zu Gehör. 
So bedeutete persönliche kriegerische oder staatsmännische 
Tätigkeit immer eine mit tausend Opfern und nicht selten mit 
Verbannung oder Tod zu erkaufende Ausnahmestellung; der ger⸗ 
manische Held ist in der Vorstellung der Nation der Recke, der 
fern von Geschlecht und Heimat abenteuernde Krieger; und 
die staatsmännische Tätigkeit Armins des Befreiers ist mit dem 
Tode, die Marbods mit Verbannung gelohnt worden. 
Aber eben diese Stellung der gewaltigsten Männer, die 
schon wagten Persönlichkeiten zu sein, dies Leben auf der 
Schneide des Schwertes hat zugleich zu den größten Leistungen 
geführt, die das altgermanische Leben überhaupt hervorgebracht 
hat. Diese Männer hatten nicht die Wahl, groß oder klein,
	        
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