154
Erstes Buch. Die Begründer*
d. h. er sieht in der Rente die natürliche Wirkung einer von Gott der
Erde verliehenen Eigenschaft . . einer Eigenschaft, die der Erde die
Kraft gibt, mehr Menschen zu erhalten, als zu ihrer Bestellung nötig sind“.
Für ihn ist aber die Bodenrente nicht nur das Kesultat eines physischen
Gesetzes; sie ergibt sich auch aus einem wirtschaftlichen Gesetze,
das in dem einzigartigen Privilegium der Erde liegt, selbst die Nachfrage
nach ihren Produkten hervorzurufen, so daß sie ohne Ende ihr eigenes
Einkommen und ihren eigenen Wert aufrecht erhalten und vermehren
kann. Woher kommt das? Weil die Bevölkerung beständig dahin strebt,
mit dem Vorrat von Lebensmitteln gleichen Schritt zu halten und sogar
darüber hinaus zu wachsen, mit anderen Worten: weil überall zum min
desten ebensoviele Menschen geboren werden, wie die Erde ernähren kann.
Diese neue Erklärung der Bodenrente ist eine Schlußfolgerung aus dem
Gesetze Malthus’, nämlich des beständigen Pressens der Bevölkerung
gegen ihren Nahrungsspielraum.
Weiter hebt Malthus einen anderen Grundzug der Bodenrente
hervor, eine so richtige und bedeutsame Beobachtung, das» an ihr die
Theorie Ricardo’s sich entzündete: da die Erde nicht gleichmäßig frucht
bar ist, geben auch notwendigerweise die auf ihre Bestellung verwendeten
Kapitalien ungleichmäßigen Gewinn. In diesem Unterschiede zwischen
dem normalen Gewinne aus mittelmäßigem Boden und dem größeren
Gewinne aus fruchtbareren Feldern besteht nun gerade zugunsten der
Besitzer fruchtbareren Bodens eine besondere Rentenkategorie, die diffe
rentiale Bodenrente, wie man sie später nennen sollte.
Diese Rente erscheint Malthus, wie früher den Physiokraten, als
völlig gerechtfertigt und durchaus im Einklang mit dem öffentlichen
Nutzen. Für die Urbesitzer ist sie nur der gerechte Entgelt „ihrer Kraft
und Geschicklichkeit“ gewesen, und für diejenigen; welche die Güter
nachher erworben haben, gilt dasselbe, da sie ja mit den Früchten ihres
Fleißes und ihrer Gewandtheit erworben worden sind. Sie besteht ohne
Zweifel unabhängig von der Arbeit des Besitzers, aber sie ist wie das große
Los, das otium cum dignitate, das die gerechte Belohnung jeder ver
dienstlichen Anstrengung darstellt 1 ).
Ricardo schlägt nun einen neuen Weg ein. Er bricht vollständig
mit der von den Physiokraten und A. Smith vorgetragenen Lehre, die
Malthus beibehalten hatte, indem er verächtlich jeden Gedanken an
eine von der Natur geleistete Mitarbeit verwirft. Dieser Finanzherr hatte
keinen abergläubischen Respekt vor der Natur, wenn er auch selbst
Großgrundbesitzer war, und lächelnd würde er das Wort: „Wer ist denn
die Dame?“ das später geprägt wurde, ausgesprochen haben. Er führt
als Gegenüberstellung zu dem berühmten Ausspruch Smith’s den von
*) S. 192; siehe auch S. 172 und 178.