Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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Arzt  des  2.  nachchristlichen  Jahrhunderts;  er  hat  das  medizinische  Wissen
seiner  Zeit  zusammengefaßt  und  systematisiert,  und  damit  ein  Gebäude
geschaffen,  welches  bis  zum  Ausgang  des  Mittelalters  in  allgemeiner
Geltung  geblieben  ist.  So  kommt  es,  daß  wir  in  den  medizinischen
Systemen  des  Mittelalters  die  gleiche  Einteilung  der  Geschmäcke  finden,
wie  sie  schon  Galen  gelehrt  hatte,  und  wenn  man  die  galenische  Etymologie
des  Wortes  azvTtir>oia  kennt,  so  wundert  man  sich  nicht,  z.  B.  in  den
Aufzeichnungen  der  Gesellschaft  der  Lauteren  Brüder  etwa  950  n.  Chr.
zu  lesen  „Alaun  und  Kupfervitriol  ziehen  zusammen"*),  700  Jahre
später  noch  in  Bechers  Schola  Salernitanafl  bei  der  Lehre  von  den
Geschmäcken  nicht  nur  das  galenische  Systen  sondern  sogar  die  galenische
Etymologie  wiederholt  zu  finden  „sypika  a  Verbo  Graeco  sypho“,
und  diese  „styptischen"  Mittel  „ziehen  zusammen,  machen  dick  und  erkälten, ­
  dann  sie  ihrer  irdischen  Natur  halber  dick,  kalt  und  trucken
seynd" 3 ).  Es  ist  der  Inhalt  der  galenischen  Lehre.  Zufällig  hat  nun
der  gleiche  Becher  auch  eine  Phythologia,  eine  medizinische  Pflanzenkunde ­
  geschrieben,  und  wenn  die  eben  zitierten  Worte  natürlich  hauptsächlich ­
  in  Berücksichtigung  ihrer  Wirkung  auf  den  menschlichen  Körper  geschrieben ­
  sind,  so  zeigt  eine  Stelle  der  Phythologia  aus  dem  Jahre  1663  ganz
deutlich,  daß  man  keinen  Augenblick  zögerte,  diese  Ansicht  allen  Ernstes  auch
auf  die  tierische  Haut  zu  übertragen.  Dort  heißt  es  nämlich  zunächst
vom  „Eychbaum"  „Die  Blätter,  Rinden  und  Eicheln  kühlen,  trocknen
und  ziehen  an" 4  * ),  und  vom  Gerberbaum  heißt  es  „der  Gerberbaum
zieht  an  und  trocknet  doch  dabey,  im  dritten  Grad  er  kühlt  .  .  .  Die
Rinde  oder  das  Häutlein,  damit  die  Beeren  umbgeben  seynd,  zeucht
sehr  zusammen  ...  Die  Blätter,  Rinden  und  Beeren  sind  kalt  im
dritten,  trocken  und  anziehend  im  andern  Grad  .  .  .  Die  Gerber  brauchen
von  diesem  Baum  die  Blätter  und  Rinden,  das  Leder  darmit  zu  gerben
und  dick  zu  machen"  fl.  Hundert  Jahre  später,  im  Schauplatz  der
Künste  und  Handwerke  aus  den  Jahren  1766—67  finden  wir  folgende
Sätze:  „Die  austrocknende  und  zusammenziehende  Eigenschaft  der  Eichenrinde ­
  findet  sich  in  verschiedenen  anderen  Pflanzen"  6 ).  „Wenn  eine
Materie  existierte,  welche  ebenso  adstringierend  und  styptisch  wäre  als
der  Alaun,  zu  gleicher  Zeit  aber  auch  ebenso  gemein  als  die  Eichenrinde, ­
  so  würde  dies  die  beste  sein,  die  Stärke  des  Leders  zu  vermehren
und  die  Zeit  des  Garmachens  abzukürzen"  fl.  Von  der  Sumachpflanze
heißt  es:  „Dieser  Strauch  ist  kühlend,  trocknend  und  zusammenziehend,
und  der  letzten  Eigenschaft  wegen  wird  er  auch  von  den  Saphianbereitern
fl  Dietericl  1876,  S.  130.
2 )  Becher  1663;  Schola  Salernitana  S.  85—86.  fl  Ebenda.
fl  Becher  1663;  Phythologia,  S.  90.  fl  Becher  1663;  Phythologia,  S.  96.
fl  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  315.  fl  Schauplatz  1766,  Bd.V,  S.  363.
            
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