Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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die  eben  besprochenen,  Absenker  des  Hausfleißes  darstellen,  ist  die  sog.
B  i  t  t  a  r  b  e  i  t.  Es  ist  die  von  alters  her  stammende  Sitte  der  gegenseitigen
Hilfeleistung,  wo  zur  Bewältigung  mancher  wirtschaftlicher  Aufgaben
die  Arbeitskräfte  einer  einzigen  Familie  nicht  ausreichen.  Diese  Bittarbeit
ist  mit  einem  Entgelt  verbunden,  welches  häufig  in  der  Form  von  Darreichungen ­
  gewährt  wird  *),  so  daß  die  ganze  Arbeit  mehr  den  Charakter
der  geselligen  Unterhaltung  trägt.  So  wird  bei  den  Kaffern  beim
gemeinschaftlichen  Abkratzen  der  Haut  geplaudert,  gesungen  und  geraucht 2 ),
besonders  interessant  aber  ist  die  Form  der  Bittarbeit  bei  den  Eskimos
wegen  der  originellen  Vereinigung  von  Arbeit  und  Vergnügen;  hier
werden  die  Felle  den  Mannsleuten,  und  sonderlich  den  Gästen  zwischen
den  Mahlzeiten  ehrenhalber  zum  Auskäuen  gereicht  und  von  diesen  wie
Konfekt  angenommen 2  *  * ).  In  der  Nord-Hudsonsbay  ist  das  Kauen  die
Tätigkeit  der  Eskimos  während  eines  Besuches^).
Es  ist  nicht  uninteressant,  an  dieser  Stelle  noch  einmal  kurz  auf
das  zur  Durchführung  der  Gerbeprozesse  nötige  Werkzeug  hinzuweisen.
Ein  Äscher  an  irgendeiner  Stelle  des  Hofes,  zwei  oder  drei  Gruben
an  einer  anderen  Stelle,  ein  Tisch,  ein  Schabebaum,  ein  Gefäß  mit  Tran
und  die  Eisen  sind  die  Werkzeuge  und  die  Werkstatt  des  kleinen  Gerbers,
wie  man  es  heute  noch  bei  uns  gelegentlich  sehen  kann.  Ähnlich  liegen
offenbar  die  Verhältnisse  bei  der  alten  norwegischen  Landgerberei:  „Der
Landgerber  ist  nicht  im  Besitze  einer  eingerichteten  Gerberei;  er  hat  nur,
wo  er  irgend  einen  passenden  Platz  in  seinem  Gehöfte  frei  hat,  ein  oder
zwei  Gruben  hingesetzt,  welche  als  Wasser-,  Färb-  oder  Versetzgruben
dienen,  noch  eine  Grube  für  Kalk,  und  die  Gerberei  ist  fertig.  Arbeitsstelle ­
  ist  das  Hinterhaus  oder  die  Diele,  wo  er  am  besten  guten  Platz
findet.  Das  Handwerkszeug  ist  dem  ähnlich.  Alte  abgelegte  Werkzeuge
werden  vom  städtischen  Gerber  gekauft,  den  Schabebaum  stellt  er  sich
selbst  aus  einem  Tanneubaum  her,  und  den  Tisch  gleichfalls"  °).  Noch
einfacher  ist  die  Werkstatt  und  das  Werkzeug  des  Preiswerkers  (!)  in
Bulgarien:  Ein  einziger  großer  Trog  aus  Holz  dient  hier  der  Reihe
nach  zum  Wässern,  Äschern,  Schwellen,  Gerben;  Schabebaum  und  Tisch
sind  nicht  vorhanden;  denn  zum  Abschaben  wird  die  Haut  an  einem
Nagel  aufgehängt  und  zum  Trocknen  in  einem  Holzrahmen  ausgespannt  *).
Wir  haben  ja  bei  der  Betrachtung  der  Betriebsmittel  bereits  gesehen,
wie  außerordentlich  primitiv  die  Werkzeuge  einerseits  zu  sein  vermögen,
wie  die  Existenz  von  richtigen  Gruben  keineswegs  immer  und  überall
zur  typischen  Gerberwerkstatt  gehört,  andererseits  haben  wir  gefunden,  daß
*)  Tarajanz  1897,  S.  28.  *)  Deutsche  Gerberzeituug  1897,  Nr.  102.
3 )  Cranz  1770,  Bd.  I,  S.  220;  Lippert  1886,  Bd.  I,  S.  314.
*)  Deutsche  Gerberzeitung  1881,  Nr.  31.
6 )  Deutsche  Gerberzeitung  1883,  Nr.  36.  6 )  Tarajanz  1897,  S.  47.
            
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