364
wisses Maß menschlicher körperlicher Arbeit, und diese hat selbst
verständlich stets eine stärkere und einseitigere Ausbildung gewisser
Muskelgruppen zur Folge. Die Forderungen der modernen Sozial
politik, alle diese, wohl etwas zu scharf als Schädigungen bezeichneten
Folgen unvermeidlicher körperlicher Arbeit völlig auszuschließen, gehen
zu weit, da solchen ins Extrem ausgebauten Forderungen nur durch
völlige Sistierung aller Arbeit entsprochen werden könnte.
Möglichste Vermeidung von Betriebsunfällen wird erstrebt in
den Unfallverhütungsvorschriften der Lederindustrieberufsgenossenschaft.
Da Staub in Weißgerbereien in lästiger und schädlicher Menge
kaum auftritt, finden wir hier auch verhältnismäßig wenig Ein
richtungen zur Bekämpfung einer Staubplage.
Kalk und Arsenik sind zur Haarlockerung bis jetzt unvermeidliche
Agentien, da es noch nicht gelungen ist, einen gleich wirksamen und
billigen Ersatz für sie zu finden. So ist möglichster Schutz des Arbeiters
gegen ihre giftige und ätzende Wirkung erforderlich. Interessant ist
hier eine Bestimmung aus dem Meisterstück der Pariser Weißgerber,
wonach eine Haut mit Wolle „mit den Handschuhen an der Hand" in
24 Stunden fertig zu machen ist 1 ); denn diese Handschuhe sind ohne
Zweifel ein Schutz der Hand gegen die hier in Frage kommenden
Agentien, wie er auch heute noch vielfach in Gerbereien angewandt wird.
Die bisher angewandten Vorschriften und Einrichtungen haben sich
verhältnismäßig leicht gefunden und leicht eingeführt; eine wirksame Be
kämpfung der Infektionsgefahr dagegen ist, wie die oben für Milz
brand angeführte Statistik zeigt, bisher nicht gelungen. Hygieniker,
Gesundheitsamt, Berufsgenossenschaft, lokale Verwaltungsbehörden und
Gerbereibesitzer sind eins in dem Bestreben möglichster Bekämpfung,
aber der Erfolg ist bis jetzt nicht erreicht. Eine im Kaiserlichen Ge
sundheitsamte ausgearbeitete und seitens des Reichskanzlers unter dem
18. April 1891 veröffentlichte Anleitung bezieht sich auf den Schutz
gegen Gesundheitsschädigungen durch ausländische Rohhäute. Die Leder
industrieberufsgenossenschaft hat ein mit farbigen Abbildungen versehenes
Merkblatt herausgegeben: „Belehrung betreffend die Entstehung und
Bekämpfung der Milzbranderkrankung", die amtliche Belehrung über
Gesundheitsschädigungen durch den Verkehr mit ausländischen Roh
häuten enthält in ihrer neueren abgeänderten Form eine Belehrung
und Vorsichtsmaßregeln gegen Milzbrand 2 ), bei der Besprechung der
Rohstoffe wurde darauf hingewiesen, wie man das Milzbrandproblem
in Verbindung mit der Rohhautkonservierung zu lösen versucht, man
hat eine besondere Milzbrandsterilisierungsmethode ausgearbeitet^), bei
*) Schauplatz 1775, 53b. II, S. 268. *) Ledermarkt 1902, Nr. 94, S. 3.
•) Collegium 1911, S. 106, 248.