Der moderne Imperialismus.
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erhalten will, die ihnen, wenn auch nicht ihren Herren, naturgemäß
erscheint, sondern auch, weil man so die Widerstände gegen die
europäische Herrschaft vermindert und mit Aufbietung geringer
Machtmittel regieren kann. Daher hat man eine ähnliche Politik auch
dann angewandt, wo es sich, wie z. B. in Südafrika, um weit tiefer
stehende Völkerschichten handelte. In Basutoland besteht z. B.
heute ein Gemeinwesen unter dem Schutze der britischen Regierung,
in dem die Basuto unter ihren Häuptlingen nach Basutogewohnheiten
leben können; in dem benachbarten Natal haben europäische Beamte
das alte Eingeborenenrecht kodifiziert und die Bruchstücke längst
zersplitterter Eingeborenenstämme künstlich zu neuen, nach diesem
Recht lebenden Stämmen verschmolzen.
Die Beibehaltung ihrer Lebensformen entspricht unzweifelhaft den
augenblicklichen Neigungen und Interessen der Eingeborenen. Sie
vermindert zeitweilig die Reibungsfläche, die eine Politik der «An
gleichung» schaffen würde. Sie kann aber kaum als Erfüllung einer
imperialistischen Mission betrachtet werden. Ein derartiger «Impe
rialismus» gibt dem unterworfenen Volke Sicherheit und Ordnung.
Er ermöglicht ihm aber nicht die Schaffung einer der europäischen
Zivilisation gleichwertigen Organisation. Er bringt den Beherrschten
nicht die Kultur der Herrscher; er sichert ihnen nur die eigenen
Lebensformen, die er durch Einführung europäischer Regeln er
starren macht. So hat z. B. die Kodifikation des eingeborenen Ehe
rechts in Natal, das den Brautkauf durch Hingabe einer bestimmten
Anzahl Rinder vorsieht, die eingeborene Sitte zur unumstößlichen Vor
bedingung einer rechtmäßigen Ehe gemacht; das hat dann zu großen
Schwierigkeiten geführt, als die Rinderpest den Viehstand vermin
derte und dadurch den Wert des einzelnen Rindes erhöht hat. Daher
ist auch diese Methode der Beherrschung der Eingeborenen nicht
von Dauer gewesen. So wenig man das imperialistische Ideal ver
wirklichen kann, dem Eingeborenen alle Segnungen der europäischen
Zivilisation so zu vermitteln, daß er in allem wesentlichen zum
Europäer wird, so unmöglich ist es, sie ihm so fernzuhalten, daß
er dauernd Eingeborener bleiben müßte. Die Berührung mit den
Europäern — sei es auch nur mit Beamten, Missionaren oder Kauf
leuten — erweckt neue Bedürfnisse, und mit den neuen Bedürf
nissen entsteht ein neuer, wirtschaftlicher Drang. Die europäische
Ordnung und der dauernde Friede führen zur Bevölkerungszunahme.
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