Full text: Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft im Kriege

Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft. 
85 
waren. Das alte Vertrauen war erschüttert und dies kann wenig Ver 
wundern. Der kleine Kapitalist, Rentner, Beamte entsinnt sich mit 
Schmerzen der verflossenen Jahre, in denen eine rege Propaganda zum 
Ankauf jener exotischen Papiere betrieben wurde, für Länder, die 
jetzt vollkommen versagen, in ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit 
arg enttäuschen und andererseits durch kriegerische Neigungen den 
Wert der Anleihen gefährden. Sie erinnern sich, wie die Zeitungen 
damals von den unermeßlichen natürlichen Reichtümern und zukünf 
tigen Werten aller jener Schuldnerländer mit unermüdlichem Eifer 
berichteten. Ihre Anleihen waren ja auch mit hohen Zinssätzen aus 
gestattet, die zunächst den investierten Kapitalien große Vorteile für 
lange Jahre zu gewährleisten und den Schilderungen zu entsprechen 
schienen. Man folgte so willig den Lockungen und leicht und reich 
lich flössen die Kapitalien. Die französische Bankwelt leitete natur 
gemäß die Strömung, und unter ihrer Führung gingen gewaltige Summen 
nach Argentinien, Brasilien, Mexiko usw. usw. nach Staat, Provinz, 
Kommune und Übersee-Unternehmen aller Art, wie es noch eingehend 
dargelegt wird. Ihre Politik in der Kapitalsanlage war ebenso un 
kaufmännisch wie gefährlich. Die „Frankfurter Zeitung" charakteri 
sierte schon frühzeitig vollkommen zutreffend die französischen Finan 
zierungssitten, wenn sie sagt: 
„Oberflächlichkeit, ja manchmal Leichtfertigkeit in der Prüfung 
der Geschäfte und die Sucht, rasch und viel zu verdienen“ 1 ). 
Nunmehr in den Zeiten wirtschaftlicher Depression, politischer 
Spannung, nutzten alle Versprechungen nichts mehr, das Börsenpub 
likum war nicht mehr zu beeinflussen. Die Banken hatten so einen 
schweren Stand und konnten die in immer stärkerem Maße auf den Markt 
kommende Ware bald nicht mehr aufnehmen. Nur mühsam durch 
gegenseitige Hilfe kam man über alle Schwierigkeiten hinweg. Wohl 
konnte die „Frankfurter Zeitung“ im März 1914 noch schreiben: 
„Die sprichwörtliche, vielleicht aber auch manchmal überschätzte 
Sparkraft des Landes, wird wohl mit der Zeit imstande sein, den großen 
Papierberg, den die letzten Jahre geschaffen haben, zu verdauen“ 2 ), 
aber der Zustand hochgradiger Unlust wegen der ausgeführten uner 
freulichen Tatsachen war nicht mehr aus der Welt zu schaffen, denn sie 
sprachen eine zu deutliche und nüchterne Sprache. Die Banken konnten 
die Werte der Frühjahrs-Emissionsperiode nicht placieren. 
Unentwegt türmten sich neue Schwierigkeiten namentlich politischer 
Natur aut. Waren einmal die gefährlichen Klippen der deutsch-russischen 
Pieß-Polemik glücklich umschifft, so knüpften sich schon wieder an 
die alte Rochette-Affaire, den Rücktritt einiger Minister, neue Sorgen. 
Dann wieder brachte ein Senatsbeschluß, der sich für eine Einkommen 
steuer auf Anlagewerte ausspricht, die für fremde Staatsfonds ab 1. Juli 
I 914 in Kraft treten soll und den Banken die Inquisition vorschreibt. 
x ) Frankfurter Zeitung, 1. Mär?. I9I4- 1 
2 ) a. a. O. 1. März 1914.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.