Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.
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waren. Das alte Vertrauen war erschüttert und dies kann wenig Ver
wundern. Der kleine Kapitalist, Rentner, Beamte entsinnt sich mit
Schmerzen der verflossenen Jahre, in denen eine rege Propaganda zum
Ankauf jener exotischen Papiere betrieben wurde, für Länder, die
jetzt vollkommen versagen, in ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit
arg enttäuschen und andererseits durch kriegerische Neigungen den
Wert der Anleihen gefährden. Sie erinnern sich, wie die Zeitungen
damals von den unermeßlichen natürlichen Reichtümern und zukünf
tigen Werten aller jener Schuldnerländer mit unermüdlichem Eifer
berichteten. Ihre Anleihen waren ja auch mit hohen Zinssätzen aus
gestattet, die zunächst den investierten Kapitalien große Vorteile für
lange Jahre zu gewährleisten und den Schilderungen zu entsprechen
schienen. Man folgte so willig den Lockungen und leicht und reich
lich flössen die Kapitalien. Die französische Bankwelt leitete natur
gemäß die Strömung, und unter ihrer Führung gingen gewaltige Summen
nach Argentinien, Brasilien, Mexiko usw. usw. nach Staat, Provinz,
Kommune und Übersee-Unternehmen aller Art, wie es noch eingehend
dargelegt wird. Ihre Politik in der Kapitalsanlage war ebenso un
kaufmännisch wie gefährlich. Die „Frankfurter Zeitung" charakteri
sierte schon frühzeitig vollkommen zutreffend die französischen Finan
zierungssitten, wenn sie sagt:
„Oberflächlichkeit, ja manchmal Leichtfertigkeit in der Prüfung
der Geschäfte und die Sucht, rasch und viel zu verdienen“ 1 ).
Nunmehr in den Zeiten wirtschaftlicher Depression, politischer
Spannung, nutzten alle Versprechungen nichts mehr, das Börsenpub
likum war nicht mehr zu beeinflussen. Die Banken hatten so einen
schweren Stand und konnten die in immer stärkerem Maße auf den Markt
kommende Ware bald nicht mehr aufnehmen. Nur mühsam durch
gegenseitige Hilfe kam man über alle Schwierigkeiten hinweg. Wohl
konnte die „Frankfurter Zeitung“ im März 1914 noch schreiben:
„Die sprichwörtliche, vielleicht aber auch manchmal überschätzte
Sparkraft des Landes, wird wohl mit der Zeit imstande sein, den großen
Papierberg, den die letzten Jahre geschaffen haben, zu verdauen“ 2 ),
aber der Zustand hochgradiger Unlust wegen der ausgeführten uner
freulichen Tatsachen war nicht mehr aus der Welt zu schaffen, denn sie
sprachen eine zu deutliche und nüchterne Sprache. Die Banken konnten
die Werte der Frühjahrs-Emissionsperiode nicht placieren.
Unentwegt türmten sich neue Schwierigkeiten namentlich politischer
Natur aut. Waren einmal die gefährlichen Klippen der deutsch-russischen
Pieß-Polemik glücklich umschifft, so knüpften sich schon wieder an
die alte Rochette-Affaire, den Rücktritt einiger Minister, neue Sorgen.
Dann wieder brachte ein Senatsbeschluß, der sich für eine Einkommen
steuer auf Anlagewerte ausspricht, die für fremde Staatsfonds ab 1. Juli
I 914 in Kraft treten soll und den Banken die Inquisition vorschreibt.
x ) Frankfurter Zeitung, 1. Mär?. I9I4- 1
2 ) a. a. O. 1. März 1914.