Full text : Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft im Kriege

Erwin  Respondek,

Il8

Lebensende  zu  genießen.  „Der  Geist  der  Vorsicht  beherrscht  den  Geist
des  Unternehmens“ 1 ),  sagt  Yves  Guyot  vom  französischen
Kaufmann  im  Vergleich  zum  Amerikaner  und  Deutschen.  Freilich
stimmen  nicht  alle  diesem  Urteile  über  den  Franzosen  zu.  So  ist  u.  a.
P.  Leroy  Beaulieu  entgegengesetzter  Ansicht.  Er  bezeichnet
diese  Anschauung  als  eine  Legende,  denn  die  Kanäle  von  Suez,  Panama
und  Korinth,  die  spanischen,  portugiesischen,  italienischen,  österreichischen, ­
  russischen  und  türkischen  Eisenbahnen  wurden  mit  französischem
Gelde  gebaut,  die  französischen  Kapitalisten  besitzen,,ebenso  viel  Transvaal-Goldaktien
  wie  der  Engländer,  mexikanische  Goldwerte,  Kupfer-Aktien
aller  Länder,  Sibirien  eingeschlossen,  und  sie  haben  sich  auf  russische
Industriewerte  gestürzt,  desgleichen  auch  auf  die  Kautschuk-  und  Petroleumwerte; ­
  oft  haben  sie  dafür  gebüßt“ *  2 ).
Ihm  kann  mit  Recht  Arndt  entgegenhalten,  daß  dies  nicht
als  ernste,  zielbewußte  Arbeit  zu  bezeichnen  ist,  vielmehr  als  Kühnheit
des  Spielers,  die  mit  Leichtfertigkeit  zusammenfällt.
Für  den  aus  Mangel  an  Aktivität  der  heimischen  Wirtschaft  entstandenen ­
  Überschuß  war  im  Innern  des  Landes  aber  genügende  Verwendungsmöglichkeit ­
  gegeben,  und  alle  gegenteiligen  Behauptungen
haben  keine  überzeugende  Kraft.  Kohle  und  Eisen,  die  Grundpfeiler
der  nationalen  Wirtschaften  sind  wohl  da.  Ihre  gegenseitige  Lage  ist
allerdings  ungünstig  und  schränkt  eine  intensive  und  vorteilhafte
Ausnutzung  ein.  Aber  für  die  „schwarze  Kohle“  wäre  dort,  wo  sie
schwer  und  unter  hohen  Kosten  zu  transportieren  ist,  leicht  Ersatz
durch  die  „weiße  Kohle“  zu  schaffen,  wie  Arndt  meint,  die  der
französischen  Industrie  Millionen  Pferdekräfte  für  die  Bearbeitung
der  reichen  Eisenerzlager  zuführen  könnte.  —  So  hätten  Milliarden
zur  Hebung  der  Naturschätze  vorteilhaft  verwandt  werden  können.
Die  gesteigerte  Produktion  würde  ihrerseits  von  selbst  auf  eine  Verbesserung ­
  der  Verkehrswege,  den  Ausbau  von  Häfen  (Marseille,  Bordeaux,
Nantes,  le  Havre  und  andere)  und  auf  Erhöhung  der  Leistungsfähigkeit
von  Binnenwasserstraßen  führen.  Nicht  allein  auf  wirtschaftlichem
Gebiete  galt  es  zu  wirken.  Auch  die  kulturelle  und  soziale  Verbesserung
auf  dem  Gebiete  der  Gesundheitspflege  erforderten  —  nach  Ansicht
einsichtiger  Franzosen  —  viele  Millionen  Franken.  Mit  wachsender
Produktionsausdehnung  und  mit  der  Verbindung  von  Arbeit  und  Kapital
wären  letzten  Endes  die  Vorbedingungen  und  gesunden  Grundlagen
für  eine  steigende  Bevölkerungszahl  gegeben  und  der  fühlbare  Mangel
an  Arbeitskräften,  der  nach  Ansicht  der  Franzosen  der  entscheidende
Faktor  gegen  eine  wirtschaftliche  Expansion  ist,  hätte  seine  Gefährlichkeit ­
  verloren 3 ).  Hinzu  kommt,  daß  die  Arbeiter  schwer  zu  behandeln
seien  und  die  Unternehmer  über  Disziplinlosigkeit,  Streiks,  Sabotage

h  Siehe  Fiaance  Universelle,  April  1913,  S.  5.  Zitat  angeführt  nach  Arndt.

2 )  a.  a.  O.  1912.  S.  3.

3 )  Nach  dem  Reichs-Stat.  Jahrbuch  für  1915  zählte  die  Bevölkerung  Frankreichs
1886:  38,3,  1911;  39,6  Mill,,  die  von  Deutschland  1886:  48,0,  1911:  64,9  Mill.  Seelen.
            
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