Full text : Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft im Kriege

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Erwin  Respondek,

vertrauensvollere  Bahn  zu  bringen.  Für  den  glatten  Fortgang  des  Geschäftes ­
  war  dies  sehr  hinderlich.  Das  Moratorium  schützt  die  Banken
vor  zu  hohen  Geldentziehungen,  dennoch  hielten  sie  sich  von  der  Gewährung ­
  neuer  Kredite  fast  vollkommen  zurück.  Die  Wirtschaftenden,
vor  allem  die  solide  Industrie,  empfanden  auch  dies  besonders  schwer,
weil  es  ihnen  unmöglich  wurde,  mit  eigenen  Mitteln  den  Betrieb  im
erwünschten,  verstärkten  Maße  wieder  aufnehraen  zu  können.
In  dieser  passiven  Haltung  verharrten  die  Banken  längere  Zeit
zum  Nachteil  der  mit  ihnen  arbeitenden  Kunden  und  damit  auch  zum
eigenen  Schaden.  Ihre  Kreditwürdigkeit  hat  hierdurch  sehr  gelitten.
Nichts  beweist  das  besser,  als  die  Notwendigkeit,  sich  gegen  die  verschiedensten ­
  Anschuldigungen  und  Vorwürfe  zu  verteidigen,  ihre  Lage
und  Politik  zu  rechtfertigen.  In  den  Jahresberichten  für  1914  sind
denn  auch  vornehmlich  Loblieder  auf  ihre  Arbeit  zu  finden.  So  versichern
sie,  daß  es  den  kleinen  und  mittleren  Kunden  keineswegs  an  hinreichendem
Diskontkredit  mangeln  konnte,  da  sie  ihnen,  freilich  soweit  es  mit  den
Erfordernissen  einer  flüssigen  Kasse  in  Einklang  zu  bringen  war,  bereitwilligst ­
  ihre  Hilfe  zur  Verfügung  stellten.  Sie  beteuern  auch  zum  Teil
ihre  Unschuld  an  dem  Darniederliegen  des  Wirtschaftslebens,  das  allein
durch  das  allgemeine  Moratorium  nicht  wieder  aufleben  könnte.  Sie
seien  unschuldig.  Aber  in  ihren  Berichten  sind  bisweilen  direkte  Widersprüche ­
  zu  entdecken.  Im  Widerspruch  mit  ihren  Unschuldsbeteuerungen
sind  z.  B.  die  Mitteilungen  des  Comptoir  National  im  Geschäftsbericht
für  das  Jahr  1914.  Hier  sagt  die  Bankleitung  wörtlich:  „Um  vollkommen ­
  zu  den  normalen  Arbeitsmethoden  zurückzukehren,  haben
wir  natürlich  warten  müssen,  bis  der  Finanzminister  in  seinem  Expose
im  Dezember  1914  anerkannte,  daß  die  Bank  von  Frankreich  sich  bereit
erklärt,  zu  den  gleichen  Bedingungen  zu  rediskontieren  wie  vor  dem
Kriege“,  und  weiterhin;  „Sobald  diese  Versicherung  gegeben  wurde,
haben  wir  bezüglich  der  Depots  auf  jegliche  Einschränkung  verzichtet 1 )“.
Diese  Stellungnahme  der  einen  Bank  ist  sehr  bezeichnend.  Sie  ist
auch  verständlich,  beweist  aber  zugleich,  daß  die  Banken  aus  sich  heraus,
aus  eigener  Initiative  auf  eine  Verbesserung  ihrer  Lage  nicht  hinwirken
konnten  und  wollten.  Insoweit  können  sie  sich  vor  den  Anfeindungen
ihrer  Depositen-Gläubiger  nicht  bewahren  und  deren  Rechtmäßigkeit
nicht  erschüttern.
Die  Stellung  der  Kreditbanken  in  der  französischen  Volkswirtschaft,
ihr  geschildertes  eigenartiges  Verhalten  im  Kriege  gegen  Handel  und
Industrie,  das  im  wesentlichen  auf  eigene  Vorteile  bedacht  und  der  Arbeit
der  Unternehmenden  nur  hinderlich  ist,  hat  auch  der  Finanzminister
R  i  b  01  in  seiner  Kammerrede  vom  12.  Dezember  1914  gegeißelt.
Er  wies  in  vorsichtiger  Weise  auf  ihre  Lage  hin  und  die  Fehler,  die  von
ihnen  vor  dem  Kriege  gemacht  wurden  und  zu  den  heutigen  Schwierigkeiten ­
  geführt  haben.  Er  stellte  die  in  der  Bankwelt  große  Erregung  und
Aufsehen  erregenden  Thesen  auf,  daß  erstens  die  Banken  die  Gelder  ihrer
9  L'Economiste  Franjais  i.  Mai  1915,  No.  18,  S.  573.
            
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