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unermüdliches Streben war, wie sie im Vorwort zur zweiten
Auflage von „Aus der Heimat“ selbst sagt, durch ihre Erzäh
lungen „echtes Gottvertrauen und reine, wahrhaftige Gesinnungen
zu fördern und in guter Absicht, ohne Bitterkeit die Irrtümer
und Schwächen meiner Mitmenschen zu bekämpfen“. Indes tritt
diese Absicht durchaus nicht lehrhaft oder überhaupt besonders
bemerkbar zutage. Auch ihr katholisches Bekenntnis, wenn
sie es auch nie verleugnet, drängt sich dem Leser nicht etwa
in auffälliger Weise auf. So gibt sich Maria Lenzen als echte
Heimatdichterin, die unsere schnellebige Zeit, die nur nach dem
Neuen hascht, vielleicht zu rasch vergessen hat.
Ein zweites, noch wesentlich stärkeres Erzählertalent trat
im Jahre 1875 in Ferdinande Freiin von Brackei im
Bachemschen Verlag in die Erscheinung.
Am 24. November 1835 zu Welda im Kreise Warburg i. W. geboren
und von dem hochbegabten Pfarrer des Dorfes bis zu ihrem 18. Jahre
wissenschaftlich ausgebildet, trat sie zuerst im Jahre 1864 mit einigen
Gedichten in die Oeffentlichkeit. Im gleichen Jahre hatte eine Fahrt nach
Gastein sie zu einer Geschichte „Heinrich Findelkind“ angeregt, die
im Jahre 1874 im Westfälischen Volksblatt in Paderborn und dann im
Echo der Gegenwart in Aachen erschien. In Buchform bildete sie ein
Bändchen des Manzschen Lesekranzes, ohne aber Beachtung zu finden,
bis sie im Jahre 1906 als 33. Bändchen in der Sammlung Bachems Volks
und Jugend-Erzählungen (s. später) wieder auferstand und seitdem in
fünf Auflagen erschien. Im Todesjahre ihres Vaters, der 1873 vierund-
aehtzigjährig starb, erschienen ihre Gedichte bei Junfermann in Paderborn
als Buch, das 1880 in Bachems Verlag überging.
Als leuchtendes Beispiel für ihr Schaffen galt ihr Lady Fullerton,
„die — so sagt sie in ihrer Selbstbiographie — ohne lehrhaft zu sein,
doch dem katholischen Boden, dem sie entsprungen, auch gerecht wurde“.
Ihr ältester Bruder, der auf der Universität den Zirkus Renz
in seinem Glanze gesehen hatte, erzählte viel davon während der
langen Wintermonate in dem einsam gelegenen westfälischen
Freiherrnsitz. Diese Erzählungen erzeugten in Ferdinande den
Gedanken zu ihrem ersten Roman „Die Tochter des Kunst
reiters“. Ohne jemals einen Zirkus gesehen zu haben, ohne die
Schauplätze der Handlung näher zu kennen — nur der rheinischen
Universitätsstadt Bonn hatte sie bisher einen flüchtigen Tagesbe
such gewidmet — entstand dies Gemälde des Kunstreiterlebens, ein