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1877 erschien im Novemberheft der Petersburger Zeitschrift
„Europäischer Bote" das Tagebuch der Frau S- S- — später erst
erfuhr man ihren vollen Namen Sonja Sontzeff —, das eine
sehr interessante Episode aus Ferdinand LassalleS Leben behan
delte. Sonja Sontzeff hätte ihren kranken Vater im Jahre 1860
auf einer Reise in die deutschen Bäder begleitet. In Aachen be
gegnete ihr im Hotel Grand Monarque Lassalle, „ein junger Mann,
etwas über Mittelgröße, er hielt sich gerade. Seine ganze Figur
drückte etwas Stolz, man könnte sogar sagen Hochmut aus, wenn
nicht auf seinem schönen, bemerkenswert klugen und blassen Gesicht
die Züge eines in Gedanken konzentrierten Menschen zu lesen
gewesen wären." Auf einem Tanzabend lernten sie sich kennen
und — Lassalle verließ Vater und Tochter nicht mehr. Sie trafen
sich allabendlich bis zur Abreise. Nun folgte ein von Lassalle stür
misch geführter Briefwechsel. Doch Sonja war voll innerer Un
sicherheit. Hier die Blätter aus ihrem Tagebuch vom Herbst 1860.
Lassalle als Bewerber
Das Befinden meines Vaters hatte sich aufs neue
etwas verschlimmert, und wir beeilten uns, nicht nach
Rußland, sondern nach Dresden zu reisen, wo man
meinem Vater den Doktor Walther empfohlen hatte.
Ich schrieb an Lassalle, daß wir noch nicht bald in Berlin
fein würden, und bat ihn, uns nach Dresden zu schreiben.
Wie groß war daher unser Erstaunen, als wir, unterwegs
in Aachen anhaltend, um unsern auf dem Tisch liegen
gelassenen Paß mitzunehmen. Lassalle antrafen, der
uns auch nicht erwartet hatte. Der Ausdruck seiner