Object : Ferdinand Lassalle

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gefaßt  worden.  Seit  vielen  Jahren  schon  hatte  die  Gräfin
ihre  Familie,  ihre  Brüder  auf  den  Knien  flehentlich
gebeten,  den  Beistand  der  Gerichte  anzurufen.  Aber
dies  gerade  wollte  die  Familie  absolut  nicht.  Da  bei
uns  alle  Prozesse  öffentlich  sind,  so  hatte  der  Graf  durch
das  Übermaß  seiner  Infamien  dieses  Mittel  —  voni
Standpunkt  der  Familie  aus  —  unmöglich  gemacht,
denn  mit  Recht  fürchtete  die  Familie  vor  allem  die
Öffentlichkeit  für  den  stolzen  Namen  des  gemeinsamen
Geschlechts,  wovon  der  Graf  einer  der  Hauptrepräsentanten ­
  war.  Sie  schrak  zurück  vor  dem  Gedanken,  alle
die  von  einem  der  Ihrigen  begangenen  Schandtaten  zu
entschleiern;  sie  schrak  davor  zurück,  ihre  eigene  Schuld
an  die  Öffentlichkeit  gelangen  zu  lassen,  daß  sie  so  lange
solch  unerhörte  Untaten  geduldet  hatte.  Sie  schrak  in
aristokratisch-politischem  Interesse  davor  zurück,  uni  dem
Hasse,  den  das  Volk  überall  gegen  die  Aristokratie  hegt,
nicht  neue  Nahrung  zu  geben.
Oft  hatte  die  Familie  der  Gräfin  gesagt:  Gedulde  dich
noch;  wenn  der  Graf  noch  einmal  sein  Wort  bricht  und
dies  oder  jenes  tut,  dann  sei  versichert,  wir  werden  ihm
selbst  den  Prozeß  machen.  Der  Graf  hatte  dies  oder  jenes
wieder  getan,  aber  immer,  wenn  nun  die  Gräfin  den
Prozeß  anfangen  wollte,  sagte  man  ihr:  Wenn  du  den
Prozeß  beginnst,  wirst  du  unsere  gemeinschaftliche  Feindin, ­
  wir  werden  uns  alle  gegen  dich  kehren!  O  Sophie,
welch  feigen  Mißbrauch  hat  man  mit  der  feigen  Schwachheit ­
  eines  Weibes  getrieben!  Die  Gräfin,  allein,  ohne
einen  Pfennig  Geld,  ohne  jegliche  Hilfe  und  mit  der
Gewißheit,  die  ganze  Familie  gegen  sich  zu  haben,  konnte
nicht  daran  denken,  sich  selbst  zu  helfen.
            
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