Full text: Ferdinand Lassalle

* 
188 
machte aber zur Bedingung, daß Mendelssohn Europa 
verlassen müsse. Nachdem er aus der Haft entlassen war, 
ging er nach Konstantinopel und nach Syrien. Im 
Jahre 1854 nahm er teil am Orientkriege gegen Ruß 
land als Arzt eines türkischen Regiments, und dieser 
meinem Herzen so teure Freund starb auf einem Par- 
forcemarsche nach Bajazid. 
Nachdem Mendelssohn verurteilt worden, war der 
Gras außer sich vor Freude. Denn er hoffte nun nichts 
Geringeres, als auch mich dadurch zu vernichten. Ich 
hatte freilich nicht das geringste mit der Kassette der 
Frau von Meyendorff zu tun; ich war ja in Aachen, 
als nieine Freunde diesen unüberlegten Streich in Köln 
verübten. Da man mich aber im allgeineinen für die 
Seele meiner Freunde hielt, so wurde nun gegen mich 
ein Prozeß anhängig gemacht, worin ich als der intellek 
tuelle Urheber ihres Kölner Streiches angeklagt wurde. 
Ein solcher Prozeß war eigentlich unmöglich, unzulässig, 
aber der Graf rechnete stark darauf. Man hatte Mendels 
sohn nur deshalb zugrundegerichtct, um sich freien Weg zu 
mir zu bahnen. Die königlichen Staatsanwälte stürzten 
sich mit Wonne auf diesen Prozeß. 
Wer aber mit ganz anderer Wonne, mit blitzenden 
Augen und leidenschaftlichen! Herzen sich darauf warf, 
das war ich! Denn ich brauchte ihn unbedingt, meinen 
eigenen Prozeß, Sophie! 
Ich war mit Verleumdungen überschüttet worden. 
Man kann sich leicht all die Klatschereien denken, die 
durch nieine Haltung hervorgerufen wurden. Ein junger 
Mensch von meinein Alter, der sich auf diese Weise 
für eine ihm ganz ftemde Frau auswirft! Es begreift
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.