Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

323

die  größte  Zahl  von  Ausständigen,  die  Berlin  bis  dahin  gesehen  —  führt,
die  Aussperrung  weiterer  20-  bis  30  000  Arbeiter  androht  und  Berlin  einen
Augenblick  in  Gefahr  bringt,  seine  Versorgung  mit  Elektrizität  für  Licht  und
Triebkraft  unterbrochen  zu  sehen.  Linker  mehr  als  einem  Gesichtspunkt  wäre
dieser  Kampf,  der  wiederum  die  Öffentlichkeit  in  hohem  Grade  beschäftigte,
der  genauen  Beschreibung  wert.  Den  Arbeitern  zeigt  er  die  Verantwortung,
die  bei  der  gegenwärtigen  Organisation  der  Industrie  und  des  Unternehmertums
  jeder  einzelne  Bruchteil  der  Beschäftigten  großer  Unternehmungen  und
der  Mitglieder  der  Organisationen  gegenüber  der  Gesamtheit  seiner  Kollegen
im  Tun  und  Lassen  auf  sich  nimmt,  und  daß  mehr  als  je  Anterordnung  aller
Sonderinteressen  unter  das  Interesse  der  Allgemeinheit  das  Losungswort
ihrer  gewerblichen  Kämpfe  ist.  Das  Äußerste  war  zu  gewärtigen,  hätte
nicht  die  Leitung  der  Kämpfenden  im  kritischen  Moment  mit  kluger  Aussicht
die  Anternehmer  gezwungen,  sich  auf  Vergleichsverhandlungen  einzulassen.
So  konnten  immerhin  einige  Zugeständnisse  für  die  Arbeiter  erwirkt  werden.
Wäre  es  bloß  auf  die  rein  ökonomischen  Machtmittel  angekommen,  so
hätten  die  Anternehmer  hier  wahrscheinlich  selbst  die  wenigen  Zugeständnisse
nicht  zu  machen  brauchen,  die  sie  tatsächlich  gemacht  haben.  Wenn  sie  sich
trotzdem  zu  ihnen  entschlossen,  wenn  sie  außerdem  die  Arbeiterorganisationen,
über  die  sie  sich  zuerst  hinwegsetzten,  im  Fortgang  des  Kampfes  mehr  als  bei
früheren  Kämpfen  als  Sachwalter  der  Arbeiterinteressen  anerkannten,  so
war  das  dem  gestiegenen  sozialen  Einfluß  der  Arbeiterklasse  zuzuschreiben.
Es  ist  bemerkenswert,  daß  bei  den  Verhandlungen,  die  in  dieser  Sache  am
l.  und  2.  Oktober  1905  vor  dem  Vorsitzenden  des  Gewerbegerichts  stattfanden,
weit  weniger  die  Mitglieder  der  Arbeiterausschüsse,  mit  denen  allein  die
Anternehmer  ursprünglich  hatten  verhandeln  wollen,  als  die  Vertreter  der
drei  hauptsächlich  beteiligten  Arbeiterorganisationen  —  Ad.  Cohen  vom
Metallarbeiterverband,  C.Bruns  vom  Verband  derFabrik-,  Land-  und  Lilfsarbeiter
  und  O.  Schumann  vom  Verband  der  Handels-  und  Transportarbeiter ­
  —  für  die  Arbeiter  das  Wort  führten.  Das  Streikkomitee  hatte  sie  und
drei  Vertreter  der  Streikenden  zur  Verhandlung  delegiert,  und  die  Meinung  der
Anternehmer  war  gewesen,  daß  sie  nur  Auskunft  erteilend  mitwirken  sollten.
Aber  ihre  Stellung  in  der  Arbeiterschaft,  ihre  größere  Kenntnis  der  Dinge
und  Abung  im  Verhandeln  erzwangen  ihnen  geradezu  die  Anerkennung  als
die  berufenen  Sachwalter  der  Arbeiter.  Bei  den  Schlußverhandlungen
waren  es  wieder  nur  Gewerkschaftsbeamte,  die  vor  den  Anternehmern
die  Sache  der  Arbeiter  führten.  Nicht  formell  im  Namen  der  Gewerkschaft,
aber  den  Anternehmern  als  Bezirksleiter  dieser  bekannt  und  faktisch  als  solche
von  ihnen  gewertet.  Es  fehlte  nur  noch  wenig,  daß  der  Vertrag  von
Organisation  zu  Organisation  geschlossen  worden  wäre.  Die  machtvollste
Verbindung  der  Industriekapitalisten  war  den  Verbindungen  der  Arbeiter
ein  großes  Stück  weiter  entgegengekommen,  als  je  vorher,  und  das  war  ein
größerer  Erfolg,  als  es  die  Bewilligung  etwas  höherer  Löhne  gewesen  wäre.
So  besiegelte  auch  der  Ausgang  dieses  Kampfes,  der  den  Gewerkschaften ­
  unter  ungünstigen  Verhältnissen  aufgezwungen  worden  war,  ihren
sicheren  Aufstieg  zur  Verwirklichung  der  Demokratie  im  Gewerbe.

2t*
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.