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Direkt von der Gräfin aus fuhren wir vier ins
Theater. Nach den Petersburger und anderen europäischen
Theatern kam mir das Berliner Opernhaus düster,
schlecht beleuchtet vor. Bald fesselte die Musik unsere
ganze Aufmerksamkeit. Das Orchester machte seine
Sache ausgezeichnet. Wagner, der es dirigierte, schien
ihm seine Seele einzuhauchen. Lassalle, der uns vorher
mit dem Inhalte dieser Oper bekanntgemacht hatte,
rezitierte während der ganzen Oper, hinter mir sitzend,
das Libretto auswendig, mit einem solchen Eifer, daß
es schwer war, zu entscheiden, was besser war, seine
Deklamation oder das Spiel der Künstler auf der Bühne.
Lassalle hatte eine merkwürdig ausgebildete Intonation
der Stimme und Übergänge von der leidenschaftlichsten,
energischsten Redeweise bis zum zartesten Ausdruck, er
konnte dadurch den stärksten und frappantesten Eindruck
hervorbringen. Seine Rede zeichnete sich durch die
Abwesenheit jeglicher Monotonie aus. Niemals noch
hörte ich eine Oper mit solchem Eifer, niemals verstand
ich eine besser, bis in die geringsten Schattierungen.
Lassalle schien von der Oper ganz hingerissen. In den
Zwischenakten sprach er von der Idee, die darin durch
geführt sei, von den Gefühlen, die sie hervorruft. Wie
ein unaufhaltsamer Strom floß seine begeisterte Rede
dahin, seine Augen glänzten, und es schien, als ob er
nicht spräche, sondern sänge, wie ein nordischer Barde.
Dieser Abend im Theater und das darauffolgende Ge
spräch rissen mich hin und bezauberten mich. Dies war
der Moment, in welchenr ich von Lassalle am meisten
gefesselt war. Ich dachte, heute gäbe ich ihm meine
Einwilligung.