Full text : Ferdinand Lassalle

203

Direkt  von  der  Gräfin  aus  fuhren  wir  vier  ins
Theater.  Nach  den  Petersburger  und  anderen  europäischen
Theatern  kam  mir  das  Berliner  Opernhaus  düster,
schlecht  beleuchtet  vor.  Bald  fesselte  die  Musik  unsere
ganze  Aufmerksamkeit.  Das  Orchester  machte  seine
Sache  ausgezeichnet.  Wagner,  der  es  dirigierte,  schien
ihm  seine  Seele  einzuhauchen.  Lassalle,  der  uns  vorher
mit  dem  Inhalte  dieser  Oper  bekanntgemacht  hatte,
rezitierte  während  der  ganzen  Oper,  hinter  mir  sitzend,
das  Libretto  auswendig,  mit  einem  solchen  Eifer,  daß
es  schwer  war,  zu  entscheiden,  was  besser  war,  seine
Deklamation  oder  das  Spiel  der  Künstler  auf  der  Bühne.
Lassalle  hatte  eine  merkwürdig  ausgebildete  Intonation
der  Stimme  und  Übergänge  von  der  leidenschaftlichsten,
energischsten  Redeweise  bis  zum  zartesten  Ausdruck,  er
konnte  dadurch  den  stärksten  und  frappantesten  Eindruck
hervorbringen.  Seine  Rede  zeichnete  sich  durch  die
Abwesenheit  jeglicher  Monotonie  aus.  Niemals  noch
hörte  ich  eine  Oper  mit  solchem  Eifer,  niemals  verstand
ich  eine  besser,  bis  in  die  geringsten  Schattierungen.
Lassalle  schien  von  der  Oper  ganz  hingerissen.  In  den
Zwischenakten  sprach  er  von  der  Idee,  die  darin  durchgeführt ­
  sei,  von  den  Gefühlen,  die  sie  hervorruft.  Wie
ein  unaufhaltsamer  Strom  floß  seine  begeisterte  Rede
dahin,  seine  Augen  glänzten,  und  es  schien,  als  ob  er
nicht  spräche,  sondern  sänge,  wie  ein  nordischer  Barde.
Dieser  Abend  im  Theater  und  das  darauffolgende  Gespräch ­
  rissen  mich  hin  und  bezauberten  mich.  Dies  war
der  Moment,  in  welchenr  ich  von  Lassalle  am  meisten
gefesselt  war.  Ich  dachte,  heute  gäbe  ich  ihm  meine
Einwilligung.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.