Full text: Ferdinand Lassalle

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schien, als ob jeder von uns fühlte: das war ein unan 
genehm verbrachter Tag, er ist vorbei, aber es schwelt 
doch außerdem noch etwas Schweres in der Luft, was 
begonnen ist und fortdauern muß. Und die Fortsetzung 
kam, als wir im Hotel ankamen und in unser Zimmer 
' eingetreten waren. Lassalle nahm meinen Vater bei 
der Hand und fing an, ihm eifrig zu beweisen, daß ich 
ihn ganz bestimmt lieben müsse, daß ich mit ihm unend 
lich glücklich sein würde. 
„Machen Sie, daß sie mich liebt," sagte er mit Tränen 
in den Augen, „geben Sie sie mir. Sie ist mir gewiß 
jetzt böse, weil ich unsere Verabredung gebrochen habe, 
und glaubt deshalb, daß sie mich nicht liebt, begreifen 
Sie doch, ich kann ohne sie nicht leben." 
Er fiel meinem Vater um den Hals und begann laut 
zu schluchzen. Die Kräfte verließen mich; ich konnte 
diese Szene nicht länger aushalten. Ich begann auch zu 
weinen, streckte die Hand nach ihm aus, bat ihn um Ver 
zeihung, daß ich ihn so lange gequält habe, daß ich es 
ihm nicht gleich gesagt habe, daß ich ihn nicht liebe, 
daß ich selbst mir erst heute klar darüber geworden sei, 
und daß ohne volle, grenzenlose Liebe ich nie heiraten 
würde; daß ich nur den heiraten würde, den ich so lieben 
könnte, wie er mich liebt; daß, wenn ich einwilligte, 
seine Frau zu werden, ich ihn vollständig unglücklich 
machen würde. 
Er beugte sich auf meine Hand und wiederholte mit 
Schluchzen, daß ich ihm meine letzte Antwort aus Ruß 
land senden möchte. Alles das erschütterte mich so sehr, 
daß meine ganze unbegrenzte Freundschaft zu ihm 
wieder mit neuer Kraft zum Durchbruch kam, und in
	        
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