206
schien, als ob jeder von uns fühlte: das war ein unan
genehm verbrachter Tag, er ist vorbei, aber es schwelt
doch außerdem noch etwas Schweres in der Luft, was
begonnen ist und fortdauern muß. Und die Fortsetzung
kam, als wir im Hotel ankamen und in unser Zimmer
' eingetreten waren. Lassalle nahm meinen Vater bei
der Hand und fing an, ihm eifrig zu beweisen, daß ich
ihn ganz bestimmt lieben müsse, daß ich mit ihm unend
lich glücklich sein würde.
„Machen Sie, daß sie mich liebt," sagte er mit Tränen
in den Augen, „geben Sie sie mir. Sie ist mir gewiß
jetzt böse, weil ich unsere Verabredung gebrochen habe,
und glaubt deshalb, daß sie mich nicht liebt, begreifen
Sie doch, ich kann ohne sie nicht leben."
Er fiel meinem Vater um den Hals und begann laut
zu schluchzen. Die Kräfte verließen mich; ich konnte
diese Szene nicht länger aushalten. Ich begann auch zu
weinen, streckte die Hand nach ihm aus, bat ihn um Ver
zeihung, daß ich ihn so lange gequält habe, daß ich es
ihm nicht gleich gesagt habe, daß ich ihn nicht liebe,
daß ich selbst mir erst heute klar darüber geworden sei,
und daß ohne volle, grenzenlose Liebe ich nie heiraten
würde; daß ich nur den heiraten würde, den ich so lieben
könnte, wie er mich liebt; daß, wenn ich einwilligte,
seine Frau zu werden, ich ihn vollständig unglücklich
machen würde.
Er beugte sich auf meine Hand und wiederholte mit
Schluchzen, daß ich ihm meine letzte Antwort aus Ruß
land senden möchte. Alles das erschütterte mich so sehr,
daß meine ganze unbegrenzte Freundschaft zu ihm
wieder mit neuer Kraft zum Durchbruch kam, und in