Full text: Ferdinand Lassalle

( 
207 
meinem Herzen entstand ein neues Gefühl — das der 
liebenden Schwester. Ich legte ihm die Hand auf 
den Kopf und weinte leise; ich konnte nichts mehr 
sagen. 
Mein Vater umarmte ihn auch mit Tränen in den 
Augen und sagte: 
„Leben Sie wohl. Lassalle. Sie, als starker Mann, 
dürfen den Mut nicht verlieren. Zürnen sie ihr nicht, 
ich war Zeuge dessen, wie lange sie mit sich kämpfte, 
ehe sie Ihnen ihr letztes Wort sagte. Enden wir lieber. 
Leben Sie wohl! Morgen mit dem Frühzuge reisen 
wir. Nicht so wäre ich gern von Ihnen geschieden." 
„Nein, nein! Entführen Sie sie nicht so unerwartet! 
Lieber morgen mit dem allerletzten Zuge. Bringen 
Sie noch einen Tag bei mir zu! Lassen Sie sie mich noch 
einmal in meinem Hause sehen." 
„Wozu? Lassen Sie uns lieber jetzt scheiden," sagte 
mein Vater. 
„Nein, ich gehe nicht fort, bevor Sie mir nicht das 
Wort geben, daß Sie meine Bitte erfüllen. Das ist ja 
eine solche Kleinigkeit, bin ich denn das nicht einmal 
wert? Auf Ihr Wort baue ich, und wenn Sie es mir 
nicht geben, werde ich die ganze Nacht vo.r Ihrer Schwelle 
liegen bleiben!" 
Wir mußten nachgeben und noch einen Tag länger 
in Berlin bleiben. 
Es war ein trüber, regnerischer Tag; er harmonierte 
ganz mit unserer Geistesstimmung. Lassalle kam sehr 
früh und führte uns zu sich nach Hause. Die Mutter 
Lassalles konnte nicht zu Mittag kommen, und der alte 
Herr blieb natürlich bei ihr. Ich war während der ganzen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.