Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

1099 Der Plan des großbritannischen Reichszollvereins. 641 
versteht die Zeit und die Behandlung der Massen. Wenn er das Ziel erreicht, vor 
allem Kanada und Australien enge handelspolitisch mit England zu verbinden, so wird 
er der Neubegründer der englischen Macht sein. Wir Deutsche haben davon vielleicht 
zunächst einige Schwierigkeiten, aber wir können uns doch darüber freuen. Denn so oft 
Albion uns geschädigt hat, so sehr seinen meisten Söhnen das Verständnis für unser 
Gedeihen fehlt, der Niedergang Englands würde nur die handelspolitischen Gefahren, 
die von Rußland und den Vereinigten Staaten, von ihren Weltherrschaftsgedanken der 
übrigen Welt drohen, vermehren. Unser Gedeihen und das aller kleineren Reiche ist 
gesicherter, wenn die drei Riesenmächte sich im Schach halten, als wenn die uns durch 
die Rasse, Kultur und Religion nächstverwandte Macht, die mit den besten Verfassungs⸗ 
formen und der besten Socialpolitik, vom Platz an erster Stelle ausschiede. 
270. Die Würdigung der neuesten Schutzzollära. Die neueren 
theoretischen Argumente, die Frage des Industrie- und Agrarstaates. 
Es bleibt uns nach dieser Betrachtung der einzelnen Staaten übrig, 1. den großen Um— 
schwung der Handelspolitik aller Staaten in den letzten 25 Jahren einheitlich zu er— 
klären und in richtigen Zusammenhang zu bringen mit den beiden vorausgegangenen 
Epochen des Merkantilismus und des Freihandels und 2. einen Blick zu werfen auf 
die Theorien und Argumente, mit welchen heute in der Handelspolitik gekämpft wird. 
a. Die ganze neuere Handelspolitik von 1800—1900 in ihrer weitgreifenden 
Bedeutung beruht auf der steigenden Herausbildung zweier großer Thatsachenreihen, 
einer wirtschaftlichen und einer politischen. 
Die wachsende persönliche und geographische Arbeitsteilung, der volle Übergang 
von der Eigen- zur Verkehrswirtschaft hatte die Folge, daß ein immer größerer Teil 
aller Produktion vom Markt und Verkehr abhängig wurde. Und dieser Absatz und 
Verkehr war der Beeinflussung durch gesellschaftliche Institutionen, durch rechtliche und 
staatliche Konkurrenzregulierung zugänglich. Je mehr Absatz und Verkehr über die 
Grenzen der Staaten hinausgriff, desto mehr wurde zugleich ein steigender Teil der 
ganzen Produktion abhängig von der auswärtigen Politik, hauptsächlich von der Handels— 
und Kolonialpolitik. Waͤhrend diese früher nur die Personenbewegung, den Zwischen— 
handel und die Produktion weniger wertvoller, weitversandter Waren hatte beecinflussen 
können, erschienen seit den letzten Jahrhunderten mehr und mehr die gesamte wirtschaftliche 
Produktion, ihre Richtung, ihr Gedeihen oder wenigstens ganz erhebliche Teile derselben 
abhängig von der Handelspolitik. 
Die älteren großen Reiche hatten, auch wenn einige Arbeitsteilung stattsand, von 
der Fremdenpolitik abgesehen, nicht die Mittel der Verwaltung, eine eingreifende Handels— 
politik zu treiben. Das ist zuerst in den Stadtstaaten, dann vom 14. —16. Jahrhundert 
in den Kleinstaaten, seit 1600—1800 in den europäischen Nationalstaaten, heute auch 
in den Riesenreichen der Kulturrassen anders geworden. Geldwirtschaft und Steuern, 
Beamtentum und staatliche Marine schufen einen wachsenden Verwaltungsapparat, der 
Grenzen bewachen, allen Handel kontrollieren, Zollsysteme durchführen, Kolonien erwerben, 
ihre Produktion und ihren Handel mit dem des Mutterlandes verbinden konnte. Gute 
Finanzen wurden die Voraussetzung guter Politik. Gute Finanzen waren nur möglich 
bei rasch fortschreitender Volkswirtschaft. Die Handelspolitik wurde das Hauptinstrument, 
um diese Ziele zu erreichen, bald auch um einen großen Teil der Volkswirtschaft zu 
lenken. Sie wurde zugleich, neben den aus handelspolitischen Gründen geführten Kriegen, 
das dauernde Instrument der staatlichen Machtförderung. Die Staatenbildung von 
1500 bis heute beruht ebenso wie die Volkswirtschaftsbildung auf der immer intensiver 
ausgebildeten Handelspolitik. Englands maritime Größe beruht heute noch mit auf 
Cromwells Schiffahrtspolitik, wie die Preußens auf der Handelspolitik seiner Fürsten 
von 1640 — 1786. Die Züge der französischen Volkswirtschaft tragen heute noch die 
Spuren von Colberts Gesetzen und von der Handelspolitik Napoleons J. wie die der 
deutschen die Züge des Zollgesetzes von 1818. 
Die Zeit des Merkantilismus hat die Möglichkeit der handelspolitischen Ein— 
wirkung auf den Wohlstand und die Art der wirtschaftlichen Entwickelung gleichsam 
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. II. 1.-6. Aufl.
	        
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