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Stille vor dem Sturm
In diesem Brief an die Gräfin Hatzfeldt vom 28. Juli 1864
heißt eL:
Es war also gestern abend ein Viertel vor sieben
Uhr, als ich, im emsigen Schreiben an Sie begriffen,
zufällig den Blick gegen das Fenster kehre — und siehe
da! alle Nebel und Wolken fallend und wie erfrierend,
und die Berge sich mächtig und glanzvoll befreiend
schaue. Es war nicht mehr möglich, zum Kulm zu ge»
langen, aber ich schloß den Brief in aller Eile und rannte
auf das Kaenzli, fünfzehn Minuten von hier, von wo
man, wenn auch nicht die Kulmer Aussicht, so doch
immerhin eine überaus prächtige Aussicht hat, die ganze
Kette von Tödi bis Gespaltenhorn, also Uri-Notstock,
Titlis, Weisstock, alle Berner Berae usw.
Selten habe ich die Berge so schön, selten einen so
schönen Sonnenuntergang gesehen! Der Eigcr war in
leisem Glühen. Noch lange nach Sonnenuntergang
konnte ich mich nicht von der Statte losreißen! Und
ebenso schön wieder heute früh. Alle Leiden sind wie
fortgewischt — wie schnell vergißt doch der Mensch,
was ihn beschwerte —, und ich bin lustig und voller
Lebenskraft, als hätte ich nicht einen Augenblick,geschweige
über zehn Tage im dicksten Regen und undurchdringlichen
kalten Nebel hier gesessen. Auch mit meinen furcht
baren Schreibereien für den Verein — ich habe gestern
und heute Aktenstücke und Briefe von zusammen sechS-
undsicbzig kleingeschriebenen Seiten nach Berlin ge
schickt — bin ich endlich fertig und atme wieder
frei auf!