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über Lassalles Auftreten vor Gericht sind wir durch eine anschau
liche Schilderung von Paul Lindau unterrichtet. In seinen „Er
innerungen" (Cotta, 1917) schreibt er:
Lassalle vor den Richtern
Am 26. Juni traf er wieder in Düsseldorf ein. Er
hatte mich von seiner Ankunft in Kenntnis gesetzt und
eingeladen, mit ihm eine Abendstunde zu verplaudern.
Unser Tisch war der einzig besetzte im Speisezimmer
des Hotels Domhardt. Die Gräfin Hatzfeldt, die ihn
auch diesmal begleitet hatte, rauchte. Lnssalle, der mit
dem Konzept seiner Rede, die er am anderen Tage vor
den Richtern der zweiten Instanz halten sollte, zufrieden
zu sein schien, war in bester Stimmung und sprach fast'
allein. Der Düsseldorfer Bevollmächtigte lauschte den
Worten des Meisters andächtig mit halb geöffneten
Lippen. Wenn ich nicht irre, war außer uns vieren nur
noch Reinhold Schlingmann an unserem Tisch, der zu
jener Zeit Buchhändler in Berlin war und die letzten
Schriften Lassalles verlegt hatte. Wir trennten uns zu
verhältnismäßig früher Stunde, denn morgen war für
Lassalle und uns alle ein anstrengender Tag.
Es war ein sehr heißer Junitag, dieser 27. Durch die
Zuvorkommenheit des Vorsitzenden war mir in dem
kleinen abgesteckten Raume, in dem außer dem hohen
Gerichtshöfe nur der Angeklagte und sein Verteidiger
verweilen durften, ein bevorzugter Platz angewiesen.
Die gleiche Vergünstigung war der Gräfin Hatzfeldt
eingeräumt, die während der langen Verhandlungen
neben niir saß und mir in liebenswürdiger Weise den