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Eisenbahn-Signalwesen.
Außerdem bestehen noch Signale mit der Mundpfeife, dem Signalhorn, sowie be
sondere Signale für den Berschiebedienst (Rangiersignale).
Die Zuglokomotiven auf Nebenbahnen müssen mit einem Läutewerk versehen sein,
das bei Annäherung des Zuges an unbewachte Wegübergänge in Thätigkeit zu setzen ist.
Das Latowskische Dampfläutewerk ist bei uns hierfür weit verbreitet. Es wird gewöhn
lich auf dem Kessel, seltener auf dem Führerhause angebracht. Ein einfacher Griff am
Hahn der Dampfzuleitung bringt es zum Läuten.
In Amerika dienen gleichem Zwecke, auch auf Hauptbahnen, große von Hand zu
bewegende Glocken (vergl. auch S. 320).
Als Ersatz für die sichtbaren Signale, falls diese durch Schäden plötzlich unbrauchbar
oder durch Nebel, Schneetreiben u. s. w. unsichtbar werden, wurden 1845 auf der Bir-
mingham-Bahu Knallsignale eingeführt, die dann bei allen Bahnen schnellen Eingang
fanden. Sie bestehen aus einer flachen Blechkapsel mit Pulverfüllung und Zündvorrichtung
und werden auf den Schienenkopf gelegt und mittels zweier Blechstreifen in ihrer Lage
festgehalten. Damit das Lokomotivrad sie nicht von ihrem Platze verschiebt, werden sie
an dem Schienenstöße aufgelegt, so daß der Haltestreifen sich gegen die der Fahrtrichtung
zugewandten Laschenenden legt. Durch den Raddruck zur Explosion gebracht, erzeugen
sie einen dem Büchsenschüsse ähnlichen Knall, der dem Lokomotivführer sofortiges
Halten vorschreibt.
In dem nebelreichen England haben diese Knallsignale, dort Nebelsignals genannt, wieder
holt glänzende Proben ihrer Wirksamkeit abgelegt. Der englische Nebel ist bekanntlich oftmals
sehr dick, so daß jegliches Erkennen irgend welcher sichtbaren Signale ganz ausgeschlossen ist.
Der Zugverkehr kann dann nur durch Knallsignale geregelt und ausrecht erhalten werden. Zu
deni Zwecke wird am Fuße eines jeden Distanzsignales ein Ncbelwärter aufgestellt, dessen
Aufgabe es ist, bei „Halt" einige Knallkapseln auf die Schienen zu legen und sie sortzunehmen,
sobald das Signal ans „Fahrt" gestellt wird. Schon zur Zeit der ersten Weltausstellung 185l
im Krystallpalast zu Sydenham, als der Londoner Bahnverkehr ein besonders lebhafter war
und beispielsweise täglich etwa 200 Züge auf der London und North Western-Bahn von und
nach London liefen, mußte der äußere Signaldienst während einiger Nebeltage lediglich ver
mittelst der Knallsignale durchgeführt werden. Wohl gab es damals Zugverspätungen, aber
keine Unfälle. Ein anderes durch anhaltenden Nebel ungewöhnlich heimgesuchtes Jahr
war 1888. Während fünf Tage des Monats Januar war ganz England fast ständig in
undurchdringlichen Nebel gehüllt. Der gesamte Signaldienst mit sichtbaren Zeichen versagte.
Knallkapseln waren wiederum das einzige Berständigungsmittel zwischen Lokomotivpersonal
und Signalwärtern. Nach Findlay, seiner Zeit Generalleiter der London und North Western-
Bahn, waren in jener Nebelwochc nur auf dieser einen, derzeit etwa 3000 km langen eng
lischen Bahn für 2462 Signalmaste besondere Ncbelwärter vorzusehen. Einschließlich der
Ablösungen fanden 3752 Mann hierbei Verwendung, gewiß eine staunenswerte Ausdehnung
dieses Notniittels, das sich aber vortrefflich bewährte. Nicht nur wurde der gesamte Zug
verkehr in jenen fünf Tagen aufrecht erhalten, sondern es haben sogar nach Findlays An
gabe die Schnellzüge höchstens Verspätung erlitten, einige sind sogar pünktlich gefahren
worden. Mit Ausnahme zweier Unfälle bei Güterzügen hat sich der ganze übrige Zugverkehr
ohne Unglücksfälle abgewickelt, ein glänzendes Zeugnis für die Tüchtigkeit der Bahnbeamten
und auch für die Brauchbarkeit der Knallsignale.
Die Nebelwärter werden aus den Streckenarbeitern genommen, da diese während des
Nebels doch nicht thätig sein können. Die Verwaltung sorgt für das leibliche Wohl dieser
Leute durch warme Kleidung und Erfrischungen (Brot und Fleisch nebst Kaffee), so daß sie
ihren anstrengenden Dienst ohne zu starke Ermüdung versehen können. Auch können sie sich
kleine Feuer anzünden. Von besonderer Wichtigkeit ist ihr schnelles Heranziehen bei plötzlich
oder zur Nachtzeit sich einstellendem Nebel, zumal wenn die Signalstation gänzlich einsam,
weit ab von bewohnten Ortschaften liegt. Die genannte Bahnverwaltung hat in der Nähe
solcher abseits gelegenen Punkte Dienstwohnungen für ihr Streckenpersonal erbaut, die sie zu
mäßigem Mietspreise abläßt. Die Signalstation ist elektrisch mit der Schlafstube eines der
älteren Arbeiter verbunden, der nach Enipfang des Alarmzeichcns sofort die übrige Mann
schaft benachrichtigen muß. Dank dieser Fürsorge sind selbst in der Nacht in kurzer Zeit die
„lebenden Signalmaste" aufgestellt. Auf anderen Bahnen führt der Stationsvorsteher Listen
über die Rebelwärter, nach denen diese zum Dienste herangezogen werden.
Versuche, die Knallkapseln auf mechanischem Wege durch die Distanzsignale legen und
fortnehmen zu lassen, sind mehrfach in verschiedener ILeise unternommen worden, jedoch stets
fehlgeschlagen.