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VII. Die Gemeinde und der Kultus.
Buddha lebte, war seine Persönlichkeit der Stützpunkt der Einig
keit, obwohl ja schon damals Unruhen vorkamen. Mit seinem
Tode mußten sich die Schwierigkeiten steigern. Man sollte nun
glauben, daß Buddha in Voraussicht dessen rechtzeitig für einen
Nachfolger gesorgt habe. Das ist aber nicht der Fall. Im Gegen
teil, er hat eine solche Bestimmung direkt zurückgewiesen. Als
Buddha nach der schweren Erkrankung im Dorfe Lsluva (S. 43)
sich noch einmal erholt hatte, kam Luanda zu ihm und sagte,
während der Krankheit sei ihm der Gedanke ein Trost gewesen,
daß Buddha nicht sterben werde, ehe er nicht über die Gemeinde
eine Verfügung getroffen habe. Da erwiderte Buddha: „Was
verlangt die Mönchsgemeinde noch von mir, o Änanda? Ich habe,
o Luanda, das Gesetz verkündigt, indem ich nichts ausließ und
überging; in bezug auf die Gesetze hat, o Luanda, der Vollendete,
nicht vergessen, daß er ihr Lehrer ist. Wem nun, o Luanda, der
Gedanke kommt: sich will die Mönchsgemeinde leiten', oder: ,mir
soll die Mönchsgemeinde gehorchen', der mag, o Luanda, über die
Mönchsgemeinde Verfügungen treffen. Der Vollendete aber, o
Luanda, meint nicht: sich will die Mönchsgemeinde leiten), oder:
,mir soll die Mönchsgemeinde gehorchen'; weshalb also, o Luanda,
soll der Vollendete über die Mönchsgemeinde Verfügungen treffen?
Ich, o Luanda, bin jetzt greis, alt, betagt, im Lebensalter vor
geschritten, ins Greisenalter gelangt; 80 Jahre alt bin ich ... .
Lebet, o Luanda, indem ihr eure eigene Leuchte, eure eigene Zu
flucht seid, keine andere Leuchte habt, als die Leuchte des Gesetzes,
keine andere Zuflucht, als die Zuflucht des Gesetzes." Denselben
Sinn haben die Worte, die er kurz vor seinem Tode zu Luanda
sprach (S. 43). Buddha traf damals nur die Bestimmung, daß
fortan die Mönche sich nicht mehr mit „Bruder" anreden sollten,
sondern daß der ältere den jüngeren niit Familien- oder Geschlechts
namen oder mit „Bruder" anreden solle, der jüngere den älteren
mit „Herr" oder „Ehrwürden".
Solange noch die direkten Jünger Buddhas lebten, mochte
allenfalls die Einigkeit leidlich bestehen. Später aber war ohne
ein sichtbares Oberhaupt eine dauernde Eintracht undenkbar. Die
jüngeren Texte erzählen auch wirklich von beständigem Streit und
Zank unter den Mönchen und von Spaltungen in der Gemeinde,
die zu Schulenbildungen führten. Bis zum Anfange des dritten
Jahrhunderts nach Buddhas Tode sonderten sich nach der Tra
dition nicht weniger als achtzehn Schulen mit eigenen Klöstern