Full text: Leben und Lehre des Buddha

106 VII. Die Gemeinde und der Kultus. 
Mit ihnen wollte man Krankheiten heilen, sich gegen den Biß der 
Schlangen, gegen Gift, böse Gestirne, Armut schützen, je nach 
Wunsch die Geburt eines Knaben oder Mädchens bewirken u. dgl. 
Diese Pantra-Lehre hat der Buddhismus in seiner letzten Phase 
übernommen, und erst auf dieser Stufe hat er sich ein Oberhaupt 
geschaffen, wie es die römisch-katholische Kirche im Papst besitzt, 
freilich nur in Tibet, und erst um 1260 nach Chr. 
In China ist der Buddhismus nie zu einer so machtvollen 
Stellung gelangt und nie so einheitlich geschlossen aufgetreten, daß 
die Priester das Bedürfnis einer Zentralleitung empfunden hätten. 
Es war in China wesentlich wie in Indien. Über das große Reich 
waren Mönche in eigenen, abgeschlossenen Klöstern zerstreut. Über die 
Einführung des Buddhismus in China ist oben(S. 18) gesprochen. 
Im 4. Jahrhundert wurde er Staatsreligion, hatte aber in den fol 
genden Jahrhunderten heftige Gegner und Verfolger, namentlich 
unter den Anhängern des Confucius. Als 1206 die mongolische 
Dynastie zur Herrschaft kam, wurde er von neuem begünstigt, und 
seit dieser Zeit gibt es in China zwei buddhistische Schulen, oder 
richtiger Kirchen: die der Poisten und die bet Lamas. Po ist 
chinesische Entstellung von Buddho (Nominativ zu Buddha); 
Lama, richtiger geschrieben bLama, ist tibetisch und bedeutet 
„Oberer". Von Tibet aus haben die Mongolen und durch sie die 
Chinesen diese Form des Buddhismus erhalten. Die beiden Arten 
unterscheiden sich voneinander viel weniger durch die Lehre und 
Disziplin, als durch den Kultus und die äußere Organisation 
und die Stellung im Staate und zur Regierung. Die Fo’isten 
haben keine höhere Geistlichkeit; jedes Kloster steht für sich, und 
nur der Abt nimmt eine Stellung im Staate ein, insofern er den 
Beamten der 12. Klaffe gleichgestellt wird. Die Lamas dagegen 
bilden eine streng geschlossene Korporation, die größtenteils vom 
Staate erhalten wird und geistliche und weltliche Oberherrschaft 
in bestimmten Gebieten ausübt. Im eigentlichen China ist die 
Zahl der Lama-Klöster nicht groß. Dagegen herrscht diese Reli 
gionsform, der Lamaismus, in allen Provinzen, die an Tibet und 
die Mongolei grenzen oder ihnen nahe liegen. Es finden sich dort 
hochberühmte Klöster, die als Wallfahrtsorte viel besucht werden. 
Analog der Hierarchie hat sich auch der Kultus im Laufe der 
Zeit geändert. Der Eintritt in die Mönchsgemeinde stand ur 
sprünglich jedem frei. Es stellten sich aber bald Übelstände heraus, 
die eine Einschränkung notwendig machten. Die Texte, die das
	        
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