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Die Wohnungsfrage.
zu setzen. Das konnte man nur in einer Zeit, wo diejenigen,
welche die Wohnungsfrage am meisten anging, die Ent
erbten, hübsch den Mund zu halten hatten; heute aber, wo
sie zu einem bedeutsamen Faktor im Staatsleben heran
gewachsen sind, wird man nicht ohne beißende Kritik solchen
alten Kohl aufwärmen können.
Von unserem Standpunkte des humanistischen Sozialismus
ist die Wohnungsfrage lediglich als integrierender Teil der
gesamten sozialen Frage zu betrachten. Sie findet ihre
Lösung nur, wenn dieses große Problem gelöst wird. Man
hört nun zuweilen sagen: „Die soziale Frage kann überhaupt
nicht gelöst werden, denn immer werden soziale Mißstände
bleiben.“ Das ist aber ebenso einfältig wie heuchlerisch.
Wir wissen, daß die Menschen von Zeit zu Zeit vor die
Aufgabe gestellt worden sind, die gesellschaftlichen Grund
lagen den wirtschaftlichen Fortschritten anzupassen; wir
wissen, daß es früher stets gelungen ist, die Disharmonien
zu lösen. Immer freilich werden Träge sein, welche nicht
arbeiten wollen, Elende, die nicht arbeiten können, daher
nicht wohlhabend werden, aber hat dieses etwas zu schaffen
mit Zuständen, wo fleißige Menschen vergebens nach Arbeit
hungern und deshalb darben müssen? Solche Störungen
sind es, welche wir unter dem Begriffe der sozialen Frage
zusammenfassen, wo die arbeitslosen, ungeheuerenEinkommen
die Arbeit erdrücken; diese werden beseitigt werden müssen,
sofern wir den Namen vernünftiger und gerechter Wesen
verdienen. Die Arbeit allein darf Anspruch auf Wohlstand
und Ansehen geben. Obwohl wir daran festhalten, daß auch
in Zukunft die Selbsthilfe das ausschlaggebende Moment
in allen wirtschaftlichen Dingen bleiben muß, so fordern
wir doch zur Schaffung freier Bahn für die Betätigung der
Selbsthilfe einschneidende staatliche Maßnahmen. Wir ver
langen von der staatlichen Gesetzgebung, daß sie die Grund
lagen des wirtschaftlichen Lebens so gründlich reformiert,