166
Die Wohnungsfrage.
Hände von Wohnungsvermietern, Bauunternehmern und
Hausbesitzern gelegt ist. Sie fordert daher, daß in das
Kuratorium der Adersstiftung auch Bürger aus denjenigen
Kreisen berufen werden, für welche die Stiftung bestimmt ist.“
Der folgende Redner, Herr Redakteur Stoffers, beschäftigte
sich ebenfalls eingehend mit jenem reaktionären Geiste. Ins
besondere beleuchtete er die Ausführungen des Herrn Justizrat
H. über das „adlige“ Haus und über die Begriffe „angemessene“
und „angenehme“ Wohnungen unter dem Beifall der Ver
sammelten. Den sachlichen Darlegungen des Herrn Stadtv.
E., welcher bekanntlich verlangt hatte, daß überhaupt der
größte Teil der Stiftung im alten Stadtteile verbleiben sollte,
weil dort die Wohnungsverhältnisse am erbärmlichsten seien,
begegnete dieser Redner mit dem Nachweise, daß, wenn man
die ganze Stiftung in der alten Stadt beließe, man zur Besserung
der Wohnungsverhältnisse auch nicht das geringste beitragen
würde. Das Haus an der Ratingerstraße solle nach dem Um
bau 88 000 Mk. kosten: selbst wenn man zehn solcher Häuser
erstünde , würden diese zehn Häuser auf die Mietpreise und
sanitären Verhältnisse auch selbst in ganz geringem Maße
günstig einzuwirken nicht in der Lage sein, während mit den
Kosten für diese Häuser die ganze Stiftung beinahe verplempert
wäre. Dahingegen ließen sich an der Peripherie der Stadt
bei rationeller Wirtschaft einige Hundert Einfamilienhäuser
errichten, und diese würden sehr bald auf die Besitzer der
alten Häuser in der Weise einwirken, daß sie gezwungen
würden, ihren Mietern verbesserte und billigere Wohnungen
zu bieten, wenn sie dieselben nicht verlieren wollten. Nicht
die Adersstiftung habe die Aufgabe, jene schändlichen Spelunken
abzureißen und menschenwürdige Wohnungen an ihre Stelle
zu setzen, sondern es sei Pflicht derjenigen, die so lange
Jahre die hohen Mieten aus denselben gezogen hätten, das
zu tun. Den Schluß bildete die schlichte Rede eines Arbeiters,
von der wir wünschten, daß sowohl Herr Dr. B. mit seiner
Zweizimmertheorie als auch das gesamte Stadtverordneten
kollegium sie gehört hätten. Er sagte, daß er für 48 Taler auf zwei
Speicherzimmern wohnen müsse, daß es ihm aber unmöglich
sei, schon bei einer Pamilie von zwei Kindern diesen in einer
solchen Wohnung eine christlich-sittliche Erziehung zu geben,
wie er sie von seinen Eltern überkommen. Er danke daher
den Gewerkvereinen, daß sie diese Frage so energisch in die
Hand genommen. Hierauf wurde die Resolution des Herrn
Hartmann unter lebhaftem Bravo einstimmig angenommen.
Aber kann es bei einer solchen Behandlung der Frage
■wundernehmen, wenn unsere Arbeiter das Vertrauen zu
solchen Hilfeleistungen verlieren, daß sie tiefer Grimm er