48 Drittes Kapitel. Die Geidliteratur und der Versuch, zu Ende zu denken.
Stellung, mit der wir uns der Betrachtung der Werke Müllers
nähern, geeignet ist, einen solchen Versuch uns bewußter
und vollständiger erscheinen zu lassen, als er in Wirklichkeit
verdient. Rückwärts gesehen, erscheint er in einem ganz an
deren Lichte.
Es ist eine schwierige und mißliche Sache, Müllers Geld
lehre darzustellen. Ihre Bedeutung liegt zu einem so er
heblichen Teile in der Originalität und Schönheit der Form,
daß jeder Versuch einer Inhaltsangabe, einer verkürzten Dar
stellung in trockenen und nüchternen Ausdrücken höchst
schwächlich und nichtssagend bleiben muß. Aus diesem
Grunde können wir die Nützlichkeit der Darstellung Stephin-
gers 1 nicht recht einsehen, und glauben, indem wir vor allem
auf Müllers Originalschriften verweisen, nichts Besseres tun
zu können, als diejenigen Stellen wörtlich zu zitieren, die
für unser Thema von Interesse sind.
Im Zentrum der Theorie steht der Begriff des Kredits.
In der Durchführung dieses scheinbar ungreifbaren und ver
schwimmenden Begriffes ist vielleicht die tiefste und be
deutsamste Geldauffassung enthalten, die wir irgendwo ge
funden haben.
Geld, Kredit und Staat werden für Müller schließlich-
1 eins: Sie sind dasjenige, was den einzelnen hinaushebt über
die Vergänglichkeit des materiellen Lebens, was ihn mit der
öattung verknüpft zu unendlicher Dauer.
Wir führen zunächst die für uns interessanten Stellen aus
der Schrift »Versuche einer neuen Theorie des Geldes«
(1816) an.
»Wie in der .Seele des Naturforschers unter den wechselnden
Erscheinungen des äußeren Lebens wie des äußeren Todes, da
fern nur beide Erscheinungen mit gleicher Gerechtigkeit von ihm
behandelt werden und mit gleicher Stärke auf ihn wirken, sich
ein steigendes Gefühl eines gewissen höheren Lebens entwickeln
1 Die Geldlehre 'Adam Müllers 1909.