70 Zweiter Teil. Handel. III. Zur Geschichte von Handel und Industrie rc.
als ein geschlossener Bund auf, der nach ausschließlichen oder bevorzugten Rechten
strebt. An der Spitze solcher Handelsunternehmungen stehen Männer, die als Diplo
maten, Feldherren, Koloniegründer sich ebenso auszeichnen müssen wie durch ihr
Geschäftstalent. Sie streben stets nach einer gewissen Handelsherrschaft und suchen
mit Gewalt ebenso oft wie durch gute Bedienung ihrer Kunden ihre Stellung zu
behaupten. Von den phönikischen und griechischen Seeräuberzügen und den Wikinger
fahrten bis zu den holländisch-englischen Kaper-, Opium-, Gold- und Diamanten
kriegen klebt List und Betrug, Blut und Gewalttat an diesem Handel in die Fremde,
dessen Formen außerhalb Europas heute noch vielfach vorherrschen.
Meist leben diese älteren Kaufmannspioniere nicht ausschließlich von Handel und
Verkehr: sie sind zu Hause Grundbesitzer, Aristokraten, Häuptlinge, oft auch Priester-,
der römische Handel tritt uns bis in die Kaiserzeit als eine Nebenbeschäftigung des
Großgrundbesitzes entgegen; der punische Kaufmann ist Plantagenbesitzer, der mittel
alterliche vielfach zugleich Brauer und städtischer Grund-, oft auch ländlicher Ritter
gutsbesitzer. Aber wo der Handel dann eine gewisse Blüte erreicht hat, da sind es
die jüngeren Söhne, die Knechte und Schiffer, die Träger und Kamelführer, die nach
und nach mit eigener Ersparnis und auf eigene Rechnung anfangen zu handeln; so
entsteht ein Kaufmannsstand, der ausschließlich oder überwiegend vom Handelsver
dienst lebt, soweit die Betreffenden nicht, wie ihre Prinzipale, wieder durch ihren
Besitz zugleich in die höhere Klasse der Grundbesitzer und Aristokraten einrücken.
Der ältere Kaufmann ist so im ganzen wie der Priester und der Krieger eine
aristokratische Erscheinung. Der Handel größeren Stils bietet noch leichter Möglich
keiten des Gewinnes als jene Berufe; er ist lange ein Monopol bestimmter Stämme,
Städte, Familien: er fordert Talent, Mut, Charakter, er bietet Gelegenheit zu List,
Gewalt und Herrschaft; daher ist der Merkur der Gott der Kaufleute und der Diebe.
Für die naive ältere Auffassung ist der Kaufmann der stolze, hochmütige, zungen
fertige, sprachkundige, weltbürgerliche, von der Heimat losgelöste Völkervermischer,
welcher Kultur, Luxus, höhere Gesittung, aber auch Auflösung der bestehenden Sitten
und allerlei Laster bringt. Neben dem aristokratischen Kaufmann, der in die Fremde
zieht, stehen nun aber teils von Anfang an, teils bald darauf weitere arbeitsteilige
Glieder von Handel und Verkehr, die mehr dem Mittelstände oder gar den unteren
Klaffen angehören. Schon die kleineren Hausierer, die teils im Gefolge des großen
Kaufmannes, teils selbständig mit etwas höherer wirtschaftlicher Entwickelung ent
stehen, gehören hieher. —
Über die Entwickelung eines deutschen Handelsstandes von dem Eindringen der
griechischen und römischen Händler, später der Juden und Lombarden, sowie der
schiffahrenden und handeltreibenden Friesen bis ins 12.—13. Jahrhundert sind wir
nur schlecht unterrichtet. Immerhin hat man die ältere Handelsentwickelung der
Deutschen lange überschätzt. Die mercatores der Urkunden von 900—1100 sind
wohl nur zum kleinen Teil Händler, sondern vielfach Ackerbauer, Handwerker und
andere, die auf dem Markt einkaufen und verkaufen. Klöster und Grundherrschaften,
sowie ihre Beamten haben sicher vielfach nebenher Handel getrieben, später auch die
reicheren Grundbesitzer der Städte neben den Juden und anderen Fremden, die
zeitweile oder dauernd sich in den Städten als bospiles und Bürger einfanden.
Für das 13. Jahrhundert weist Keutgen für Augsburg und andere Städte
Großhändler, Gewandschneider, Krämer und Höker als vier klar sich abhebende
Gruppen nach; sie fielen teilweise zusammen (so hauptsächlich die Großhändler und
Gewandschneider). Dann fallen auch die Großbrauer und patrizischen Grundbesitzer,
die Reeder in der Hansestadt vielfach mit den Großkaufleuten zusammen. Die Groß
händler und Gewandschneider werden vielfach die Nachkommen friesischer Kaufleute
gewesen sein, die feinere Tuche erst periodisch zuführten, dann dauernd holten; auch