1. Ideen über die Entstehung und die Entwickelung des Handels. 71
die Krämer waren in den großen Städten Großhändler, d. h. sie holten Pfeffer,
Safran, Ingwer im großen aus Venedig. Bis gegen 1500 verbanden alle die
größeren seßhaft gewordenen Kaufleute das lokale Detailgeschäft mit dem Besuch
der nächsten Märkte und dem Holen der Waren aus der Ferne. Charakteristisch ist,
wie groß, wenigstens in Frankfurt a. M., das offizielle Marktpersonal der Markt
meister, Makler, Warenprobierer, Messer und Träger war.
Besondere Münzer und Geldwechsler treffen wir zuerst als Fremde, dann
vom 12.—14. Jahrhundert als patrizifche Hausgenossen korporativ organisiert. Aus
den Geldwechslern geht in Italien im 13. und 14. Jahrhundert schon ein Groß
bankierstand hervor. In Nordeuropa bleibt das Bankgeschäft lange überwiegend ein
Nebengeschäft des Großwarenhändlers, in England der Goldschmiede, deren Ober
schichte seit 1500 freilich große Kaufleute waren. In seiner vollen Selbständigkeit
hat sich das Bankgeschäft erst seit hundert Jahren entwickelt. Auch das seit dem
14. Jahrhundert in Italien sich einbürgernde Versicherungsgeschäft bleibt bis gegen
1700 überwiegend Nebengeschäft großer Kaufleute. —
Vom 16. Jahrhundert an stieß der Großhandel vielfach den Detailverkauf ab
und wurde ein anderer durch den Handel nach den Kolonien, durch die entstehenden
Posten mit ihren Nachrichten und ihrem Briefverkehr; das sich ausbildende Meß-
und Zahlungsgeschäft, die Loslösung des Verkehrsgeschäfts vom Handel und anderes
wirkten da mit.
Das Verkehrsgeschäft ist bei allen Völkern sehr lange Sache des reisenden Kauf
manns selbst geblieben. Er verpflegt sich unterwegs oder nimmt Gastfreundschaft in
Anspruch, er besitzt eigene Schiffe, Pferde und Wagen, er oder seine Diener begleiten
die Waren selbst. Im Orient kehrt er noch heute in der von den öffentlichen Ge
walten hergestellten Karawanserei ein, die ihm nur leere Räume bietet. Gasthäuser
sind erst langsam im Mittelalter aufgekommen, noch im 18. Jahrhundert mußte die
preußische Verwaltung sich bemühen, sie durch besondere Begünstigungen ins Leben
zu rufen, während heute das Gasthaus, die Bank und die Poststelle die ersten Häuser
einer städtischen Neugründung in Amerika sind und die europäische Gasthausindustrie
eine der großartigsten, technisch und auch arbeitsteilig vollendetsten ist.
Die Entstehung eines besonderen Frachtgewerbes haben wir am Wasser zu
suchen. Der Schiffer, der freilich lange zugleich Fischer bleibt, auch einzelne Zweige
des Handels, so hauptsächlich den Getreide- und Holzhandel, mit seinem Frachtge
werbe verbindet, nimmt den Kaufmann und seine Waren schon bei den Phönikern
und im Altertume auf; aber daneben bleiben vielfach die Großkaufleute der Seestädte
Reeder und Schiffsbesitzer bis heute. Viel langsamer entwickelt sich ein besonderes
Frachtfuhrgefchäft auf dem Lande. Das Altertum hat nur Spuren davon, die neueren
Zeiten haben es vom 14.—18. Jahrhundert langsam entstehen sehen; die Metzger und
Bauern an den Hauptstraßen beschäftigten lange ihre Pferde nebenher in dieser Weise,
bis das regelmäßige Frachtfuhrgeschäft als selbständiges Gewerbe sich lohnte. Eine
Post im Dienste der kaiserlichen Verwaltung hat das Altertum gekannt, aber nicht im
Dienste des Verkehrs; erst aus den städtischen und fürstlichen Botenkursen des
15.—17. Jahrhunderts sind die Posten unserer Tage als selbständige, dem Brief-,
Personen- und Frachtverkehr dienende Institute erwachsen. An sie knüpfen sich als
große Privatunternehmungen oder Staatsinstitute unsere heutigen Eisenbahnen, Tele-
graphenanstalten, Postdampferlinien, Telephoneinrichtungen mit ihrem arbeitsteiligen
Personal von Tausenden von Personen.
Alle diese Institutionen zusammen haben vom 16. Jahrhundert an unsern
Handel und seine Einrichtungen in den zivilisierten Staaten und zwischen ihnen
gänzlich umgestaltet. Nun konnte der Kaufmann zu Hause bleiben, durch Briefe und
Frachtgeschäfte, welche andere besorgten, seinen Handel abmachen; er brauchte nicht