76 Zweiter Teil. Handel. III. Zur Geschichte von Handel und Industrie rc.
Gewändern, Decken, Tapeten, Salben, Schmucksachen, Bernstein, Gold, Silber,
Opium, Flötenspielerinnen und Götterbildern. An der afrikanischen Küste herfahrend,
nahmen sie Honig und Wachs ein, deren griechische und lateinische Namen aus den
Sprache der Berber stammen, ferner Datteln, Elfenbein, Tierfelle und Straußfedern;
in Spanien holten sie vorzugsweise Silber und in Gades die dort aufgestapelten
nordischen Waren; über die italienischen und griechischen Küsten setzten sie mit Tausch
und Krämerei ihre Rundfahrten fort, bis sie nach zwei- oder dreijähriger Reise,
mächtig bereichert, in die Heimat zurückkehrten.
Ohne Zweifel haben die Phönizier ihre bevorzugte Weltstellung rücksichtslos
ausgenutzt. Es ist uns überliefert, daß sie für vier Degenklingen im Wert von einem
Sekel in Italien Korallen im Wert von 400 Sekel eintauschten. Sie nahmen also
400 %! Ferner wissen wir, daß sie gewisse Salben, die angeblich aus 25 verschiedenen
Bestandteilen zusammengesetzt waren, bis zu 90 Gulden das Pfund verkauften.
Um die Preise zü erhöhen, setzten sie die seltsamsten Übertreibungen in Umlauf
über die Gefahren, die mit Beschaffung der Ware verbunden seien. Der Pfeffer
sollte, von Schlangen bewacht, in unzugänglichen Wäldern wachsen, — eine Sage,
womit vielleicht noch unser frommer Wunsch: „Ich wollte, du wärest, wo der Pfeffer
wächst", zusammenhängt. Wenn daher die Phönizier als Mitbegründer der Natur
wissenschaften genannt werden, so müssen sie doch auch als Urheber zahlreicher Märchen
bezeichnet werden, die, zum eigenen Vorteil von jenen klugen Kaufleuten erfunden,
bis in eine späte Zeit hinein die Köpfe verwirrten. Den Sagen von Zyklopen, Sirenen
und Lästrygonen begegnet man an solchen Orten, wo Phönizier Handel und Schiffahrt
trieben. Lange wurden solche Erzählungen von den Griechen und anderen Euro
päern für bare Münzen genommen. Später freilich zürnten die Griechen über ihre
Leichtgläubigkeit, und dann ward der Ausdruck „phönizifche Lügen" zu einem Sprich
wort. Durch jene abenteuerlichen Erzählungen von ungeheuren Gefahren, die den
Seefahrer in fernen Meeren bedrohen, sollten aber nicht nur die Preise erhöht, sondern
auch Konkurrenten von der Nachfolge abgeschreckt werden. Denn vor allem strebten
die Phönizier nach dem Monopol, diesem Wunderstab und Zauberring eines
jeden echten Kaufmannsvolkes. Ihre Handelspolitik ging immer auf das Monopol
los. Der Karthager Hanno drohte einst: „Nicht einmal ihre Hände sollen die Römer
im Meere waschen dürfen." Wen erinnern nicht diese Worte an die Aussprüche
William Pitts, des späteren Lords Chatam: „Nicht eine Kanone darf auf dem Meere
gelöst werden ohne Erlaubnis von England", und dann wieder: „Nicht ein Hufnagel
soll in den englischen Kolonien fabriziert werden?" Und derselbe Dio Casfius, welcher
uns jene merkwürdigen Worte Hannos aufbewahrte, läßt auch Cäsar, als er feine
Offiziere zum Angriff auf Ariovist bestimmen will, folgendes sagen: „Solange wir
die Karthager in Afrika ruhig ließen, schifften sie nach Italien hinüber, durchschwärmten
das Land und zerstörten die Städte." Ganz dieselbe Tatsache, daß die Punier es
besonders auf die Städte abgesehen hatten, berichtet uns von den Phöniziern der
belesene Kirchenvater Eusebius. Derselbe hat uns eine wahre Enthüllung hinterlassen,
indem er sagt: „Die Phönizier bewachten ihre Kolonien, daß niemand mit denselben
Verkehr treiben und sie bereisen konnte. Dies bewirkten sie dadurch, daß sie die
Länder ihrer Grenznachbarn beständig verwüsteten und darauf bedacht waren, deren
Städte zu vermindern." Besonders bezeichnend ist hier die Absicht einer Ver
minderung der Städte. Von bloß landbautreibenden Ländern fürchteten die Phönizier
nichts, denn das waren ja Konsumenten ihrer Jndustrieprodukte und überdies Länder,
dünn bevölkert, arm und unmächtig; aber die Städte waren ihnen verhaßt als Kon
kurrenten, die durch Kapitalbesitz, Handel und Industrie ihren Gewinn schmälern
konnten!