Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

86 Zweiter Teil. Handel. III. Zur Geschichte von Handel und Industrie rc. 
wonnene Wohlstand, so unentbehrlich für den Handelsbeflissenen, ist nie völlig auf 
die Neige gegangen. So sind denn die hansischen Bürgerschaften, als die Gunst der 
Zeiten sich wendete, alsbald wieder unter den ersten auf dem Platze gewesen. Sie 
betraten mit lebhaftester Energie die Bahn, die sich öffnete, als die nordamerikanische 
Union sich von England löste; sie waren unter den frühesten, als es galt, mit den frei 
gewordenen spanischen und portugiesischen Kolonien Handels- und Schiffahrtsverträge zu 
schließen; sie waren die ersten, die eine regelmäßige Dampfschiffsverbindung zwischen 
dem europäischen Kontinent und den Vereinigten Staaten zustande brachten; ihr Han 
del und ihre Reederei erwarben sich in dem neu aufkommenden ostasiatischen, austra 
lischen und Pacific-Verkehr rasch eine Stellung. Auch der kriegerische Mut, den die Vor 
fahren so oft betätigt hatten, ist ihren Angehörigen in den Tagen, da man sich ducken 
mußte, nicht verloren gegangen. Gestalten wie die des Hamburger Convoiführers 
Karpfanger, der in den Jahren 1674—1683 mit seinem Fregattschiff die ihm anver 
trauten Handelsflotten gegen manchen überlegenen Kaperangriff rühm- und erfolg 
reich verteidigte, die des Lübeckers Johann Joachim Schumann, der 1817 fein von 
algerischen Korsaren auf der Höhe von Lissabon genommenes und mit elf Piraten 
besetztes Schiff selbfünf zurückeroberte, und ähnliche belegen das. Die öffentlichen 
Gewalten, die den Handels- und Schiffahrtsstand zu vertreten hatten, fanden für der 
artige Kräfte immer weniger Verwendung, je mehr sie sich genötigt sahen, ihre Sache 
auf die Künste der Diplomatie zu stellen. Aber der klarblickende Bremer Bürgermeister 
Smidt hatte so unrecht nicht, wenn er, unter Anspielung auf die Heldenschar des Braun 
schweiger Herzogs, in Männern wie Schumann das „Cadre zu einer Schar hansischer 
See-Totenköpfe" erblickte. Was an wirtschaftlicher, an sittlicher und kriegerischer 
Kraft in der städtischen und ländlichen Bevölkerung unserer Küstengebiete steckt, ist 
jetzt zusammengefaßt in den Rahmen des Reiches und hat dadurch die Möglichkeit 
gefunden, sich mit Aussicht auf Erfolg auf einem weiteren Felde zu betätigen, als 
den hansischen Vorfahren vergönnt war. Die letzten Tage, die den Schiffahrtsvertrag 
der amerikanischen und deutschen Gesellschaften zu allgemeiner Kenntnis brachten, 
haben wieder einmal gezeigt, welch feste Stütze wirtschaftlicher Unternehmungsgeist 
an einer starken und einsichtsvollen Staatsgewalt gewinnen kann. So find unsere 
Aussichten im Wettbewerbe der Völker nicht schlecht; wir dürfen hoffen, uns zu be 
haupten und unser zu nennen, was Fremden nicht gehören darf. Wer aber diese 
glückliche Lage richtig würdigen, ihre Voraussetzungen und Bedingungen verstehen 
will, der wird wohl tun, die „deutsche Hanse" nicht außer acht zu lassen. Ihr Name 
darf mit Stolz von jedem Deutschen genannt werden. 
6. Der deutsche Kaufmann im Zeitalter der Perücke. 
Von Georg Steinhaufen. 
Steinhaufen, Der Kaufmann in der deutschen Vergangenheit. Leipzig, Eugen 
Diederichs, 1899. S. 98—104. 
Im 15. und 16. Jahrhundert hatte das in erster Linie durch die Kaufleute reprä 
sentierte Bürgertum, im Besitz der höchsten geistigen und materiellen Kultur seiner 
Zeit, den Ton angegeben. In den Städten konzentrierte sich das Leben; die Ein 
wohner lebten nach dem Wort Äneas Sylvius' besser und wohnten stattlicher als die 
Könige Schottlands; bürgerlich, volkstümlich war der gesellschaftliche Ton wie die 
Denk- und Ausdrucksweise auch bei den Fürsten und beim Adel, — alles das ändert 
sich jetzt. Nicht mehr die Städte, sondern die zahlreichen Höfe deutscher Fürsten
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.