Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

88 Zweiter Teil. Handel. III. Zur Geschichte von Handel und Industrie rc. 
Kriege wurden trotz des Protestes des alten Adels immer zahlreicher die Adelsbriefe, 
erteilt, natürlich wegen der Einnahmen, die der Kaiser daraus bezog. Übrigens nah 
men an diesem eitlen Haschen nach dem Adel die Kaufleute der großen Hansestädte, 
wie Hamburg, nicht teil. Am meisten taten sich aber darin die in Breslau und Prag 
hervor. Gerade diese Kreise waren es naturgemäß, die jenen ungesunden Luxus am 
meisten übertrieben. Wir hören wohl von diamantenen Schlössern, die ihre Frauen 
auf den Schuhen trugen. Überall suchte man es der Vornehmheit der Hofgesellschaft 
gleichzutun, kam dabei freilich zuweilen zu ergötzlichen Dingen, wie z. B. der Lehr 
ling oder der Markthelfer, in Livree gesteckt, als Lakai benutzt wurde. Und rechten 
Respekt konnte sich der neugeadelte Kaufmann selbst in dieser so devoten und krieche 
rischen Zeit bei den Leuten auch nicht erwerben, hörte vielmehr oft Spott und Hohn 
über die unsolide Herkunft seines Geldes. 
Wurde aus dem vornehmen Kaufmann zum Teil eine Karikatur des höfischen 
Kavaliers, so wurde aus dem mittleren Kaufmann und dem Krämer der elendeste 
und servilste Spießbürger. Sein Horizont wurde so beschränkt wie möglich, auch 
ihm ging die Sonne nur an seinem kleinstaatlichen Hofe auf, seine Anschauungen 
wurden engherzig und philisterhaft, seine Moral aber sehr wenig achtungswert. Hatte 
der Großkaufmann nur allzuoft durch Fortsetzung der bereits besprochenen Monopol 
wirtschaft und Wuchergeschäfte und weiter durch die gewissenlose Ausnützung des 
Münzelends, durch die „Kipperei und Wipperei" selbst in dieser niedergehenden Zeit 
Reichtümer zu erwerben verstanden, so pflegte der kleine Händler nicht selten mit 
falschem Maß und Gewicht, mit verfälschten Waren zu hantieren. Der betrügerische 
Zug, den die satirischen Stimmen des 16. Jahrhunderts bereits gelegentlich bei dem 
Krämer hervorhoben, wird jetzt tellweise sehr bedenklich. Wie ein Teil des gesamten 
Bürgertums, so verkam auch ein großer Teil der Kaufleute moralisch. 
Und dieses minderwertige Bürgertum hatte auch jegliche Stellung im absoluten 
Staate verloren. Neben dem Hofadel und dem Offizier konnte der Bürger nur noch 
etwas gelten, wenn er Beamter war; sonst war er als Steuer- und Plackereiobjekt 
gut genug. Gerade in einer Zeit, in der die Konkurrenten der Deutschen, die Eng 
länder und Holländer, eine mächtige Handelsblüte erlangten und dadurch das Bürger 
tum in diesen Staaten allmählich der ausschlaggebende Faktor wurde, kam der deutsche 
Bürger und auch der deutsche Kaufmann auf seinem niedrigsten Standpunkt an. 
Die Fürstenmacht war allein ausschlaggebend. Sie schuf zugunsten ihrer Kassen 
immer neue Steuern und Scherereien, sie vervielfältigte insbesondere die Zölle; die 
einzelnen Territorien behandelten sich gegenseitig beinahe wie kriegführende Mächte. 
Auf der andern Seite aber machte sie den Kaufmann völlig unselbständig und 
abhängig. Nicht nur innerlich beeinflußte der Hof, wie wir gesehen haben, die Masse 
der Deutschen, er erschien ihnen auch äußerlich als alleinige Quelle alles Gedeihens. 
So war der Durchschnittskaufmann vor allem darauf angewiesen, den Bedürfnissen 
der Hofgesellschaft gerecht zu werden; er war an dem prunkvollen Leben der kleinen 
und großen Residenzstädte, denen der Luxus der Handelsstädte nicht viel nachgab, 
lebhaft interessiert. „Wes Brot ich esse, des Lied ich singe," konnte auch der Kaufmann 
im Zeitalter der Perücke sagen. Freilich hatte er dabei weniger für einheimische Waren 
als für die fremden Modeerzeugnisse zu sorgen. Aber die Abhängigkeit des Kauf 
manns vom Hofe beschränkte sich nicht auf dies Moment allein: das gesamte Gedeihen 
des Handels schien in dieser Zeit überhaupt von keinem andern Faktor abzuhängen 
als vom Willen des Fürsten, der in wirtschaftlichen Dingen als genau so entscheidend 
angesehen wurde wie auf der Wachtparade. War der Kaufmann auf der einen 
Seite durch die Zollpolitik der einzelnen Länder gefesselt und gehindert, so glaubte 
man ihn doch andererseits durch Privllegien, Monopole, überhaupt durch eine wohl 
wollende landesväterliche Handelspolitik mächtig heben zu können. Bon innen her-
	        
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