Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

94  Zweiter  Teil.  Handel.  HI.  Zur  Geschichte  von  Handel  und  Industrie  rc.
mochte  er  die  Stadt  freilich  nicht  zu  schützen.  Die  Verhängung  der  Kontinentalsperre ­
  hatte  den  Frankfurter  Handel  schwer  geschädigt.  Ein  noch  schwererer
Schlag  war  es  für  ihn,  als  Napoleon  1810  sämtliche  Niederlagen  an  englischen  und
Kolonialwaren  in  Frankfurt  im  Gesamtwerte  von  16  Millionen  Gulden  plötzlich
konfiszieren  ließ.  Zwar  wurden  die  Kolonialwaren  gegen  Zahlung  von  10  Millionen
Francs  Abgaben  wieder  freigegeben,  aber  die  englischen  Waren,  hauptsächlich  Baumwolle ­
  und  Gewebe  wurden  unter  dem  klingenden  Spiel  eines  französischen  Regiments
öffentlich  verbrannt.
Mit  dem  Sturz  Napoleons  und  der  Wiederherstellung  der  reichsstädtischen
Freiheit  begann  eine  lange  Friedenszeit  und  damit  für  die  Frankfurter  Börse  eine
Periode  glänzenden  Aufschwungs.  Neben  dem  Wechselgeschäft  gewann  jetzt  der
Handel  in  Wertpapieren,  das  Geschäft  in  Staatsanleihen  immer  größere  Bedeutung.
Das  Haus  Gebrüder  Bethmann  hatte  zuerst  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts
die  Staatspapiere  an  der  Frankfurter  Börse  zur  Einführung  gebracht.  Der  Aufschwung ­
  der  Frankfurter  Börse  knüpfte  sich  aber  vor  allem  an  den  Namen  des
Hauses  Rothschild,  der  Firma,  die,  von  dem  bescheidenen  Stammhaus  in  der
Iudengasse  ausgehend,  zur  weltumspannenden  Geldmacht  emporwuchs,  und  deren
Name  gleichsam  zum  Symbol  des  Reichtums  wurde.
Aber  schon  bereiteten  sich  innerhalb  der  deutschen  Staaten  die  Gruppierungen
vor,  die  zu  der  späteren  politischen  Konstellation  führten.  Die  aufstrebende  Macht
Preußens  bildete  den  Kristallisationskern,  um  den  die  kleineren  Staaten  sich  zollpolitisch ­
  angliederten.  Im  Jahre  1828  schloß  Preußen  mit  Hessen  jenen  denkwürdigen
Vertrag,  der  die  Grundlage  des  Zollvereins  wurde.  Damit  begann  die  Zeit
der  handelspolitischen  Umklammerung  Frankfurts  durch  die  Zollvereinsstaaten.  Der
ganze  Zwischenhandel  Frankfurts  zwischen  Norden  und  Süden,  Osten  und  Westen
Europas  ging  nunmehr  an  den  Toren  Frankfurts  vorbei  über  die  Konkurrenzplätze
Mainz,  Höchst,  Offenbach.  Im  Jahr  1836  trat  Frankfurt  dem  Zollverein  bei.  Die
Handelskammer  Frankfurt  war  es,  die  hinter  diesem  Entschluß,  dem  jahrelange
Kämpfe  vorausgingen,  als  treibende  Kraft  gestanden  hat.  Nunmehr  war  das  Frankfurter ­
  Wirtschaftsleben  auf  eine  breitere  und  stabilere  Basis  gestellt.
In  den  folgenden  Jahren  war  Frankfurt  der  Schauplatz  der  hohen  Politik,  ein
Umstand,  der  wiederum  vor  allem  der  Börse  zugute  kam.  Die  Errichtung  eines
eigenen  Börsengebäudes  am  Paulsplatz  fällt  in  jene  Zeit.  Im  Jahre  1854  wurde
die  Frankfurter  Bank  gegründet,  der  bald  weitere  Bankinstitute  folgten.
Inzwischen  hatte  sich  der  Antagonismus  zwischen  Preußen  und  Österreich
immer  mehr  zugespitzt.  Im  Jahre  1866  war  die  Entscheidung  gefallen.  Es  war
ein  leidensvoller  Weg,  der  Frankfurt  zur  Einigung  Deutschlands  führte.  Nicht,  daß
man  in  Frankfurt  der  großen  Idee  kühler  gegenüber  gestanden  hätte!  War  es  doch
hier  im  Jahr  1848,  wo  das  Sehnen  der  Nation,  ihr  stürmendes  Verlangen  zum
Ausdruck  gelangt  war,  lange  ehe  der  Traum  des  einigen  Deutschlands  zur  ruhrnvollen
  Wirklichkeit  wurde.  Aber  Geschichte,  wirtschaftliche  Interessen,  geschäftliche
Beziehungen  knüpften  unsere  Stadt  eng  an  den  Süden  und  das  benachbarte  Österreich. ­
  Die  Frankfurter  Börse  war  der  tonangebende  Platz  für  die  österreichischen
Werte;  Frankfurt  war  der  beherrschende  Kapitalplatz  für  die  Länder  der  süddeutschen
Guldenwährung:  die  Noten  der  Frankfurter  Bank  hatten  in  Süddeutschland  ihr
Hauptverbreitungsgebiet.  Heute,  unter  dem  Schutz  von  Kaiser  und  Reich,  blicken
wir  ohne  Bitterkeit  auf  jene  großen  historischen  Ereignisse  zurück.  Wir  können  mit
dem  damaligen  König  von  Preußen  und  späteren  Kaiser  Wilhelm  sagen:  „Deutschland ­
  gewann,  was  Preußen  erwarb."
An  die  Gründung  des  Deutschen  Reichs  schloß  sich  auch  in  Frankfurt  eine  Zeit
großer  geschäftlicher  Konjunktur.  In  diese  Zeit  fällt  der  Bau  des  Hauses,  in  dessen
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.