9. Der Straßburger Handel am Anfange des 19. Jahrhunderts. 95
glänzender Halle wir uns heute befinden, in ihren riesigen Dimensionen gewissermaßen
der Ausdruck der Siegesfreude und hochgestimmter Zukunftserwartungen.
Und doch befand sich der Frankfurter Handel schon seit etwa der Mitte des Jahrhunderts
in dem Zustand einer latenten Krise. Der Bau der Eisenbahnen hatte
das Frankfurter Wirtschaftsleben vor gänzlich neue Bedingungen gestellt: Der große
Durchgangs- und Zwischenhandel Frankfurts war verloren gegangen infolge Ablenkung
des Verkehrs durch die Eisenbahnen, die direkte Verladungsmöglichkeit und
besonders durch die Bedeutung, die der Rhein seit Einführung der Dampfschiffahrt
für den Nord-Süd-Durchgangsverkehr gewonnen hatte. Den Anschluß an diese große
Schiffahrtsstraße zu gewinnen, war für Frankfurt eine Lebensfrage. Dies wurde erreicht
Mitte der achtziger Jahre durch die Kanalisierung des Mains und die Gewährung
von Umschlagstarifen, ein Erfolg, der in erster Linie den Bemühungen der Handelskammer
zu danken ist. Um die Verkehrssteigerung zu veranschaulichen, sei erwähnt,
daß der Verkehr auf dem kanalisierten Main 1892 das 118fache gegenüber dem zu
Anfang der achtziger Jahre betrug.
Daneben hat die Handelskammer an den großen Fragen der Handelspolitik,
des Geld-, Münz- und Bankwesens lebhaften Anteil genommen. Mit vielen Maßregeln
der Gesetzgebung konnte sie sich freilich nicht einverstanden erklären; dies
gilt vor allem von den Börsensteuern und dem Börsengesetz, das besonders unserer
Börse schweren und unwiederbringlichen Schaden zugefügt hat. Aber neben den
Frankfurter Handel ist mittlerweile die jugendlich aufstrebende Frankfurter I n -
d u st r i e getreten. Nachdem sie die Fesseln des Zunftwesens gesprengt, nachdem die
Mainkanalisation die Bedingungen ihrer Entwicklung geschaffen hatte, war durch die
glückliche Verbindung von Wissenschaft und Kapital eine hochwertige Industrie in
Frankfurt erwachsen, die heute sich einen Weltruf erworben hat. Das großzügige
Projekt des O st h a f e n s, das die Stadt unter der Ägide unseres Herrn Oberbürgermeisters
in Angriff genommen hat, eröffnet ihr, wie wir hoffen, für die Zukunft
noch weitere Möglichkeiten großartiger Entfaltung.
So sieht der Frankfurter Handelsstand heute freudig zurück auf eine melhundertjährige
Entwicklung. Kosmopolitisch und doch fest gewurzelt in der Heimat, stetig
vorwärtsstrebend in ruhiger Besonnenheit, hat er den Wechselfällen der Politik und
des Wirtschaftslebens siegreich standgehalten. Reiches wissenschaftliches Leben hat sich
um ihn entfaltet, die Werke sozialer Reform hat er tatkräftig gefördert; mit einem
Worte: Was Frankfurt ist, ist es durch ihn geworden. Keine unverdienten
Gaben hat das Schicksal unserer Stadt in den Schoß geworfen, die Gunst
der Mächtigen hat ihr nicht oft gelächelt; die Bilanz unserer Entwicklung ist: reicher
Arbeit tausendfältige Früchte. Dies aber ist uns ein Stolz und zugleich
eine frohe Zukunftsverheißung.
s. Der Strahburger Handel am Anfange des
19. Jahrhunderts.
Von Hugo Haug.
Haug, Die Handelskammer zu Strahburg i. E. 1803—1903. Festschrift. Straßburg,
Cls. Druckerei u. Verlagsanstalt, vorm. G. Fischbach, 1903. S. 55—63.
An der Kreuzung zweier großer Verkehrsstrahen und zugleich am Endpunkte
der Großschiffahrt auf dem Rheine gelegen, war Straßburg schon durch seine natürliche
Lage berufen, den Güteraustausch zwischen den Völkern Mitteleuropas zu ver-