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10. Industrie und Handel in Deutschland vor siebzig Jahren.
?^er Wechsel auf die Orte, die sie berührten, mitzunehmen. Deshalb spricht auch
^Ute noch der Student von „seinem Wechsel".
. Schwer ist es auch, sich noch eine Vorstellung zu machen von der Not, in welche
? deutsche Handel vor siebzig Jahren durch die allerorten sich ihm entgegen-
. ^wenden Zollschranken versetzt war. Die größern außerdeutschen Länder. Ruß
end, Frankreich, die Niederlande, die größern italienischen Staaten, hatten ihre Ge-
* e te durch hohe Zölle gesperrt. Auch England wies die deutschen Güter zurück,
Welche dorthin mit Nutzen hätten eingeführt werden können. Den Handel mit
Spanien und der Türkei verboten schon die dort bestehenden Unruhen. Auch im See
nadel konnte Deutschland mit den dafür günstiger gelegenen, mit reichen Kolonien
11 Verbindung stehenden Ländern nicht konkurrieren. Um sich gegen den damals
Mch blühenden Seeraub zu schützen, mußte der deutsche Handel mit englischen Schiffen
,'lld mit englischer Assekuranz geführt werden. Und bei dieser Ungunst der Ver-
Mstnisse nach außen hin hatten die deutschen Staaten auch noch gegeneinander überall
Zollschranken errichtet, gleichsam um sich gegenseitig auszuhungern. Jeder Staat
^bterband dem andern die Adern des freien Verkehrs, und jedem wurden sie wieder
^bterbunden. Das bezeichnete man schon damals von einsichtiger Seite als einen
"^ngfamen Selbstmord". Im Umfang einer Meile Weges stieß man mitunter auf
Mehrere Schlagbäume. Die geringwertigen Produkte deutscher Länder waren mit
?^llselben, ja mitunter sogar mit höhern Zöllen belegt wie die gleichartigen außer-
?^Utschen Produkte von weit höherem Werte. In Österreich z. B. zahlte der Eimer
^Nzösjschen Weines 60 Gulden, der Eimer deutschen Weines 90 Gulden Steuer,
^oi dieser Hemmung des Verkehrs hatten die Produkte keinen andern Wert als den
0rch das augenblickliche Bedürfnis in nächster Nähe bestimmten. An Unterneh-
^UMgen auf Spekulation war nicht zu denken. Damit sank auch der Wert des Grund
eigentums oft bis zur Kreditlosigkeit herab. Gleichsam als erlaubte Notwehr gegen
0'eses Aushungerungssystem bildete sich überall der Schleichhandel mit seinen sitten-
^erderbenden Wirkungen aus. Noch im Laufe der 1820er Jahre versuchten zwar
Mehrere der kleineren deutschen Staaten durch Gründung von Steuervereinen das
^k>el ^ mildern. Aber die Gebiete derselben, auch in ihrer Vereinigung, waren zu
sioin, um dem Handel Luft zu verschaffen. Erst der Preußische Zollverein beseitigte
seiner allmählichen Ausdehnung diesen heillosen Zustand. Am längsten leistete
>hrn der Norddeutsche Steuerverein Widerstand. Bis zum Jahre 1851 bestand zwischen
Ösffsel und dem nahe gelegenen hannoverschen Münden noch die trennende Zoll-
llatte. Und wenn wir Göttinger Studenten auf der Ferienreise unsern Eltern
einige Göttinger Würste mitbrachten, — was für ein Gebot kindlicher Pietät gehalten
wurde — so hatten wir unsre liebe Not, dieselben — was nicht minder für eine
Menschenpflicht galt — an der Grenze durchzuschmuggeln.
Als einen Vorzug der damaligen Zeit kann man bezeichnen, daß das Speku-
lationsfieber nicht in gleicher Weise bestand, wie es im Laufe der letzten Jahrzehnte
um sich gegriffen hat. Zwar konnte man auch damals schon in Staatspapieren
!pekulieren. Und das verderbliche Mautsystem drängte gewissermaßen daraus hin,
da die Brieftasche noch das einzige war, was der Untersuchung und Aufficht der
Steuererheber nicht unterworfen wurde. Gleichwohl kam es um jene Zeit nicht vor,
daß man von jemandem gehört hätte, er habe durch Spekulation sich zugrunde ge
richtet. Erst die Schaffung zahlreicher Aktien, namentlich der Eisenbahnaktien mit
ihren schwankenden Werten, hat diese Krankheit mehr und mehr verbreitet. Dagegen
enthalten die damaligen Blätter ständig die Angebote von Losen der Staatslotterien,
woraus man schließen darf, daß die Spekulation in diesen schon reichlich geblüht habe.
Nirgends aber begegnen wir um jene Zeit dem heutzutage herrschenden Unfuge,