11. Die Entwicklung von Deutschlands Industrie 1861—1911. 103
Es wird anerkannt werden müssen, daß hierzu in hervorragender Weise das
deutsche Schulwesen und namentlich auch das kaufmännische und technische Fach-
und Fortbildungsschulwesen mitgewirkt hat. Der deutsche Kaufmann ist im Auslande
wegen seiner Kenntnisse und seiner Arbeitsamkeit geschätzt. Der junge Arbeiter
hat während seiner Lehrtätigkeit Gelegenheit, allgemeine und technische Kenntnisse
in den Fach- und Fortbildungsschulen, die immer größere Wichtigkeit gewinnen, zu
erwerben.
Die erworbenen Kenntnisse aber überall da im Deutschen Reiche verwerten
zu können, wo es seinen Fähigkeiten am besten entspricht, und wo es für ihn am
lohnendsten ist, dieses Recht ist ihm durch das Gesetz von 1867 gewährleistet
worden.
Ein anderer Gesichtspunkt aber tritt für die Entwicklung unserer Industrie und
unseres Handels in den Vordergrund: das zielbewußte Zusammenarbeiten
der Wissenschaft und Technik mit unseren industriellen Be
trieben, die Anwendung der Errungenschaften der stillen Geistesarbeit auf die
Praxis. Dieses ganze Gebiet erschöpfend zu behandeln, ist unmöglich; aber es mag
mir gestattet sein, einige wenige Punkte hervorzuheben.
Welche Fortschritte sind nicht gemacht worden in der Ausnutzung der Dampf
kraft! Zu den theoretischen Arbeiten über die beste Art der Ausnutzung der in
dem Dampf enthaltenen Arbeitsmengen traten die konstruktiven Ausgestaltungen
hinzu, in erster Linie die sinnreiche Ausbildung der Dampfmaschinensteuerungen.
Den Erfolg sehen wir in der modernen Präzisionsdampfmaschine, die in ungeahntem
Maße den Ansprüchen an wirtschaftliches Arbeiten, Regulierbarkeit und Schnelligkeit
des Ganges entspricht, und die in dieser Form recht eigentlich ein Kind der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts ist. Welcher Fortschritt liegt nicht in der Dampfturbine,
die gleichzeitig auch ein Beweis ist für den erstaunlich hohen Grad von Genauigkeit,
den unsere Technik bei der praktischen Ausführung erlangt hat!
Welche Erfolge hat nicht die Gasmaschine erzielt, an deren Entwicklung
Deutschland der Hauptanteil gebührt! In allen Größen dient sie der gewerblichen
Arbeit, angefangen von dem kleinen Motor, mit dem der Handwerker einige Arbeits
maschinen antreibt, bis herauf zu der gigantischen Hochofengasmaschine. Ein beson
ders reiches und für den Laien besonders wichtiges Anwendungsfeld haben ferner die
Explosionsmotoren bei den Kraftwagen gefunden, seit Benz und Daimler
in den achtziger Jahren zum ersten Male Explosionsmaschinen mit Erfolg zum Be
triebe von Fahrzeugen verwendeten.
In gleicher Weise sind Wissenschaft, Technik und Industrie in Deutschland in der
elektrotechnischen Starkstromindustrie bahnbrechend geworden, in jener In
dustrie, die die Mittel an die Hand gegeben hat, konzentrierte Energiemengen nach
Bedarf bis ins feinste zu verästeln oder in andere Energieformen — in Licht, in
Wärme, in chemische Energie — umzusetzen. In das erste Jahrzehnt des Deutschen
Handelstags fallen die grundlegenden Arbeiten des Pfadfinders auf diesem Gebiete,
Werner Siemens, in dem die Vereinigung zwischen theoretischer Wissenschaft und
praktischer Anwendung sich in wunderbarer Weise verkörperte. Wie es seitdem die
Elektrotechnik verstanden hat, sich immer neue Tätigkeitsgebiete zu erobern, sehen wir
täglich wieder. Der elektrische Strom dient als Antriebskraft sowohl der Großin
dustrie wie dem Kleingewerbe und der Landwirtschaft. Er treibt Bahnen und arbeitet
in chemischen Fabriken. Er läßt sich in bequemer Weise in Lichtenergie umwandeln
und ist uns dadurch schon heut unentbehrlich geworden. Seitdem es gelungen ist,
ihn in rationeller Weise auf weite Entfernungen fortzuleiten, lassen sich Kraftquellen,
die entfernt von Industriezentren liegen, in einer Weise ausnutzen, die sonst nicht
möglich wäre. Erst die Elektrotechnik hat daher die größere Ausnutzung unserer