114 Zweiter Teil. Handel. IV. Handelskrisen.
leichtsinniger Überschätzung der eigenen Mittel geschah. Gefälligkeit im Schulden
übernehmen ist jedoch keine Tugend des Handels.
Von Hamburger Häusern — man würde unrecht tun, zu sagen von Hamburg
— und ihren Kommanditen wurde der Wechselmißbrauch besonders stark in allen Ab
stufungen getrieben. Äußere Verhältnisse, welche die Schuld der Schuldigen begreif
licherweise nicht aufheben, geben hiefür einen Erklärungsgrund: der von Hamburg
nach allen Teilen der Welt ausstrahlende Handelsverkehr, die bisherige seit 60 Jahren
allen Stürmen trotzende Solidität des Platzes, die Abwesenheit aller sonstigen pa
pierenen Wertzeichen, die Abwesenheit einer zentralen, auch den Kreditmißbrauch der
größten Häuser zeitig wahrnehmenden Kreditanstalt, die Basierung des Wechselgeldes
auf die unabänderlich gleiche reine Silbervaluta des Bankogeldes verliehen dem
Hamburger Wechsel eine Gesuchtheit, eine Umlaussweite, einen ausschließlichen
Spielraum und eine Kontrollelosigkeit, welche ebenso die Verführung zum Mißbrauch
als die Größe des letzteren erklären.
Überall beweist die Krisis, daß der Wechsel in weit höherem Grade als der
Bankzettel zur Fiktion von Kapitalien mißbraucht worden ist. Man darf sogar
sagen, daß nur in Amerika, wo vermöge der Dezentralisation des Bankwesens und
der Weite aller Verkehrsverhältnisse der Zettel faktisch die Rolle eines reinen Wechsels
annimmt, der Zettel zur Kapitalfiktion mißbraucht worden ist.
Im Bankwesen hat sich vielmehr als das gefährlichste Element das verzinsliche,
zu gewagter Anlage in Diskont und Darlehen treibende Depositum von kurzer Kün
digung erwiesen. Nicht als imaginäres, sondern als höchst reelles Kapital entflieht
es den Banken gerade in der Not, sobald der leiseste Hauch des Mißtrauens weht.
Doch trat in der Krisis an hervorragenden Beispielen auch die Erscheinung auf, daß
gutbeglaubigte Bankinstitute großen Depositenzufluß erhielten, welcher durch ihre
Vermittlung ein sehr wertvoller Helfer in der Not geworden ist.
Nichts hat, um es schließlich zu sagen, so gründlichen Bankerott gemacht als
der doktrinäre Absolutismus der ökonomischen Theorie und
Praxis. Während man in Europa in Doktrin und Gesetzgebung dem Phantom
der Zettelüberschwemmung als einziger Gefahr nachjagte, schuf die Wechselreiterei
Hunderte von Millionen fiktiver Werte; während die Aktiengesellschaften alles
ruinieren sollten, überließ sich die Privatindustrie im Handel, welcher seiner Natur
nach von je die individuelle Wirtschaftsform vorherrschend für sich hat wählen müssen,
Übertreibungen aller Art und brachte die Krisis auf den Gipfelpunkt; während die
absoluten Freihändler der Hansestadt und der skandinavischen Plätze um Staats
unterstützung auf den Knieen lagen, mußten die büreaukratisch gescholtenen Re
gierungen Frankreichs und Preußens das Prinzip der selbstverantwortlichen Frei
heit im Handel vertreten; während die Notendeckung der Bank von England als die
stärkste Seite des Institutes erschien, machte gerade sie Fiasko; während bisher die
großen Bankinstitute einander in blindem Nachahmungstrieb die geringsten Zins
fußänderungen nachmachten, emanzipierten sie sich diesmal mit Erfolg und ließen
— bloß nach den konkreten Verhältnissen des heimischen Geldmarktes sich richtend
— wochenlang Differenzen von 4 % im wechselseitigen Bankzins bestehen. Die Bei
spiele ließen sich häufen, in welchen die absolute Doktrin, der theoretische und
praktische Schlendrian, vor den Erfahrungen und Notwendigkeiten der Krisis zu
Schanden geworden sind. Auf dem Gebiete der Öffentlichkeit scheint uns vor
allem die Aufgabe der wirtschaftlichen Gesetzgebung und Verwaltung zu liegen.
Wenn der Staat im Zivil- und Handelsrecht, in der Gewerbeordnung, in der Ge
werbekonzession, in der Beförderung und rechtzeitigen Veröffentlichung der volks
wirtschaftlichen Statistik die ganze volkswirtschaftliche Bewegung in den durchsichtigen
Spiegel der Öffentlichkeit zu reflektieren trachtet, auch wo es unbequem ist, so unter-