118 Zweiter Teil. Handel. IV. Handelskrisen.
sammen. Der Eindruck dieses Fallissements war ein furchtbarer; von da an war
der Kredit auch der großen leitenden Banken — Nationalbank, Niederösterreichische
Eskomptegesellschaft und etwa noch Kreditanstalt ausgenommen — erschüttert. Der
Schlag traf um so schwerer, als die Wechslerbank noch acht Tage vorher in der unter
Kontrolle der Regierungsorgane gezogenen „Rohbilanz" einen Aktivsaldo von
400 000 fl. ausgewiesen hatte.
Die Wiener Wechslerbank hatte in die Kategorie der famosen „Kartellbanken"
gehört. Diese, namentlich Börsen- und Maklerbanken, waren von nun an sicherem
Tode verfallen.
In den Generalversammlungen zur Liquidation der Wiener Börsenspielbanken
spielen jetzt unnennbare Szenen. „Räuber", „Spitzbuben", „Gebt den Raub heraus",
fliegt es — kommentiert durch geballte Fäuste — hinüber an die Tische der
schlotternden Verwaltungsräte, selbst wenn ein hochgeborener Graf und „angesehenes"
Herrenhausmitglied Präsident einer oder mehrerer solcher sauberen Verwaltungs
räte war!
Die Börse aber ist eine öde Halle. „Das Bargeschäft schwingt sein Szepter
auf dem kreditlosen Terrain", schreibt der „Aktionär" vom 26. Juni. So rasch
war der ganze babylonische Turmbau der Kulisse verschwunden!
Im August und September schienen bessere Zustände zurückkehren zu wollen.
Die Kurse der „leitenden Bankpapiere" erlangen einige Erholung. In Baubanken
belebt sich nochmals einigermaßen die Spekulation; man glaubt, diese Werte seien
unnatürlich entwertet. Aber mit dem Herbst „kracht" das Kartenhaus der Bau
bankspekulationen furchtbar zusammen, die Tausende des Wiener Publikums, welche
in diesen Werten früher gespielt hatten, stehen entsetzt der fortdauernden Katastrophe
gegenüber.
Das Schlimmste sollte erst noch kommen; dem Oktober war der tiefste Sturz
vorbehalten. Das Messer ging nicht mehr bloß den Börsen-, Makler- und dergleichen
Banken an die Kehle, sondern den ersten Instituten, insbesondere jenen ineinander
verfilzten Bankanstalten, welche der Abgeordnetenhauspräsident Freiherr v. Hopfen
in seiner Leitung zusammenfaßte. Die Aktien des Wiener Bankvereins und der All
gemeinen Österreichischen Bodenkreditanstalt unterlagen einem enormen Kurssturz.
„Kredit", „Anglo", „Franko" und andere „leitende", „erste" Papiere gerieten aufs
neue in eine abwärtsgehende Wertbewegung, welche kaum noch der schwarzsichtigste
Pessimist für geradezu unmöglich gehalten haben würde.
Der „Aktionär" beziffert die Kurseinbuße des Wiener Aktienbankkapitals (April
bis Ende Oktober) auf mehr als 700 Millionen fl. ö. W.
4. Die Krisis im Magdeburger Juckerhandel (1889).
Von Otto P i l e t.
Pilet, Ein Rückblick auf mein Leben. Magdeburg, Im Selbstverlag, 1900. S. 52—55.
Das Jahr 1889 versprach eins der glänzendsten Jahre für den Magdeburger
Zuckerhandel zu werden, glänzender als die großen Konjunkturjahre 1885 und 1857,
welche ich erlebt hatte, in denen die Preise von 15 Talern auf zirka 25 Taler für
den Zentner stiegen, — denn es handelte sich um ganz andere Quantitäten als die
der derzeitigen Produktion. Eine klein» Ernte, beschränkte Vorräte in Deutschland
machten eine Steigerung, auch eine erhebliche, im Laufe der zu niedrigen Preisen
begonnenen Kampagne 1888/89 fast zu einer Gewißheit. Was Wunder, wenn man
feine Operationen danach einrichtete, stärkere Vorräte hielt und große Posten auf