Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

5. Die Kartelle. 
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Hunderten von Kartellen, die im letzten Menschenalter in Deutschland gegründet, zu 
einem Teil aber auch schon wieder aufgelöst worden sind. Es ist wirklich über 
raschend, was für einen Reichtum an Organisationsformen das Wirtschaftsleben auf 
diesem Gebiete entfaltet hat. Der Gang der Entwicklung war dabei gewöhnlich der, 
daß an die Stelle der anfänglich noch sehr einfachen und losen Vereinigungen nach 
und nach immer kompliziertere Gebilde getreten sind. Die größeren und bekannteren 
deutschen Kartelle, wie das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat, der Stahlwerks 
verband, die Kalikonvention, das Kartell der deutschen Salinen sind nicht gleich in 
der Form ins Leben getreten, die sie jetzt besitzen. Es hat vielmehr bei ihnen erst 
einer langen Erziehung innerhalb des Kartells und vieljähriger, mit einfacheren 
Organisationen gemachter Erfahrungen bedurft, ehe die Erkenntnis sich Bahn brach, 
daß nur die engste und innigste Vereinigung Gewähr biete, die mit der Kartell 
bildung verfolgten Zwecke auch wirklich zu erreichen. Auch hier gilt also der Satz, 
daß die Natur keine Sprünge macht. Es ist in dieser Beziehung sehr lehrreich, die 
Schilderung der Entstehung und des Werdegangs einer Reihe deutscher Kartelle zu 
lesen, die wir dem Verein für Sozialpolitik verdanken. Da zeigt sich deutlich, wie 
die Kartellbewegung mit innerer Notwendigkeit nach Organisationen strebt, bei 
denen dem Erbfeind des individuellen Selbstinteresses jeder Schlupfwinkel verbaut 
wird, bei denen die Interessen der Einzelunternehmungen, aus denen das Kartell 
besteht, soweit als nur irgend möglich, in dem Interesse des Gesamtunternehmens 
aufgehen, so daß Jnteressenkonflikte zwischen dem Ganzen und seinen Teilen möglichst 
ausgeschlossen sind. Das Rheinisch-WestfälischchKohlensyndikat z. B. hat bei seiner 
letzten Erneuerung im Jahre 1903 einen weiteren wichtigen Schritt nach dieser 
Richtung getan, indem es seinen Mitgliedern das Recht nahm, nach eigenem Ermessen 
mit der Erweiterung ihrer Produktionsanlagen vorzugehen. So erweitert das Kartell 
beständig seinen Wirkungskreis auf Kosten der Einzelunternehmer und beschränkt 
die letzteren immer mehr in ihrer Selbständigkeit. Lange zuvor, ehe ein sozialistischer 
Zukunftsstaat daran denken kann, sie zu expropriieren, müssen es die Unternehmer 
erleben, wie das Kartell sie ohne Verletzung der heutigen Wirtschaftsordnung aus 
den wichtigsten der volkswirtschaftlichen Funktionen, die ihnen anfänglich zu selb 
ständiger Besorgung überlassen waren, entsetzt und verdrängt und sie oft nur noch 
als technische Betriebsleiter beläßt oder als eine Art von Kartellbeamten beschäftigt. 
In so fern läßt sich ein gewisser sozialistischer Zug bei den Kartellen nicht leugnen. 
Sie sind sozialistische Organisationen zu nichtsozialistischen Zwecken. Bei vielen Kar 
tellen werden den Verbandsorganen so weitgehende Rechte gegenüber den Mit 
gliedern eingeräumt, daß man von einem freien Unternehmertum kaum noch sprechen 
kann. Wollte etwa der Staat derartig weitgehende Rechte für sich in Anspruch 
nehmen, so würden wohl die Klagen der Industriellen über das Eindringen des 
Staates in ihre privaten Verhältnisse, über unerträgliche Beschränkung der persönlichen 
Freiheit und polizeiliche Reglementiererei kein Ende nehmen. Auch ist der Terro 
rismus der Kartelle der Unternehmer oft nicht geringer als der der Arbeitergewerk 
vereine, wenn es gilt, widerstrebende Elemente zum Anschluß und Beitritt zu 
Zwingen. 
Über den harten Zwang und die strenge Disziplin der Kartelle vermag die 
Unternehmer indessen ein wichtiger Umstand zu trösten. Es kann keinem Zweifel 
unterliegen, daß die meisten der Industriezweige, die eine einigermaßen straffe 
Kartellorganisation besitzen, dadurch ihre wirtschaftliche Lage erheblich gebessert haben. 
so fern hat die Umwandlung „der Privatwirtschaft der getrennten Einzelbetriebe 
in die Privatwirtschaft der vereinigten Einzelbetriebe" ihren Zweck erreicht. Die 
Lage der kartellierten Industrien ist gleichmäßiger geworden, und ihre Durchschnitts 
erträgnisse sind gestiegen. Allein diese Besserung ist nicht allen Teilen der Industrie
	        
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