Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

2.  Gedanken  über  die  Ausbildung  des  jungen  Kaufmanns.  141
der  Neid,  der  nun  einmal  von  jeher  dem  Handelsgewinn  angehaftet  hat,  heute
Formen  annimmt,  die  sich  nicht  mehr  gegen  den  einzelnen,  sondern  gegen  den  ganzen
Kaufmannsstand  richten,  und  kluge  Männer  verhandeln  in  den  Parlamenten  darüber, ­
  ob  der  Handel  notwendig,  ob  ihm  nicht  die  Existenzberechtigung  überhaupt
abzusprechen  sei.  Der  Handel,  der  zu  allen  Zeiten,  bei  allen  Völkern  und  unter
allen  Verhältnissen  eine  maßgebende  Rolle  im  wirtschaftlichen  Leben  gespielt  hat,
kommt  womöglich  noch  in  die  Lage,  seine  Existenz  wissenschaftlich  rechtfertigen  zu
müssen!  Wir  finden  neben  den  Angriffen  auf  die  Börse  die  starke  Bekämpfung  des
sich  nach  dem  Großbetriebe  hin  entwickelnden  Kleinhandels,  der  Warenhäuser,  und
niemand,  der  dem  Handelsstande  angehört,  kann  das  Gefühl  unterdrücken,  daß  sich
eigentlich  in  keinem  Kreise  der  staatlichen  Gesellschaft  innere  Zuneigung  für  den
Handelsstand  findet.  Selbst  die  Produzenten  und  die  Konsumenten,  die  beiden
großen  Gruppen,  die  dem  Handel  so  viel  zu  verdanken  haben,  sind,  wenn  es  auf
eine  Bewertung  des  Handels  ankommt,  geneigt,  ich  will  nicht  sagen,  ihm  die  Existenzberechtigung ­
  abzusprechen,  aber  jedenfalls  ihn  nur  zur  Not  passieren  zu  lassen.
Wenn  wir  uns  nun  die  Frage  vorlegen,  was  gegenüber  allen  diesen  kritischen
Erscheinungen  der  Handelsstand  selbst  zu  tun  hat,  so  müssen  wir  als  die  wichtigste
Aufgabe  die  bezeichnen,  daß  er  die  kaufmännische  Generation,  welcher  die  Aufgabe
zufallen  wird,  diesen  Entwickelungsprozeß  mehr  als  die  heute  lebende  Generation
durchzukämpfen,  für  eine  erfolgreiche  Durchführung  dieser  schwierigen  Ausgabe  entsprechend ­
  vorbereitet  und  vorbildet.
Die  Erziehung  und  Ausbildung  des  jungen  Kaufmanns  wurde  lange  Zeit  hindurch ­
  von  der  Auffassung  beherrscht,  daß  derselbe  nur  für  den  Prinzipal  da  sei.
Erst  allmählich,  als  der  Handel  selbst  nicht  mehr  in  seinen  gewohnten  Bahnen  zu
führen  war  und  die  Aufhebung  der  zünftlerischen  Vorrechte  einen  allgemeinen  Andrang ­
  zum  Kaufmannsberuf  hervorrief,  nahm  auch  das  Verantwortlichkeitsgefühl
des  Lehrherrn  gegenüber  seinen  Lehrlingen  einen  anderen  Charakter  an.  Der
moderne  Handelsbetrieb  hatte  inzwischen  auch  ganz  neue  Lebensbedingungen  erhalten. ­
  Alle  Schwierigkeiten  des  Verkehrs  waren  in  Wegfall  gekommen,  die  Bezugsquellen ­
  wurden  so  bekannt,  daß  mit  der  Entwicklung  der  Massenproduktion  der
Kaufmann  auch  nicht  mehr  einen  Schritt  zu  tun  brauchte,  um  sich  von  allen  Seiten
Offerten  zu  holen.  Der  Geldverkehr  wurde  so  erleichtert,  das  Kreditwesen  so  ausgebildet, ­
  die  Bedürfnisse  der  Konsumenten  so  ins  Massenhafte  gesteigert,  daß  alles
nach  diesem  geldbringenden  Beruf  hinströmte.  Und  doch  war  der  Beruf  in  anderer
Beziehung  gerade  dadurch  schwieriger  geworden.  Je  leichter  es  war,  Kaufmann  zu
werden,  desto  schwieriger  war  es,  Kaufmann  zu  bleiben.  Jetzt  war  die  Frage  nach
der  anderen  Richtung  hingedrängt.  Es  kam  nicht  mehr  darauf  an,  zu  wissen,  wo
man  Ware  beziehen  sollte,  sondern  wo  sie  abzusetzen  war.
Der  Kaufmann  wurde,  durch  die  Konkurrenz  bedrängt,  gezwungen,  feste  Preise
einzuhalten,  und  so  brachte  die  Konkurrenz  das  Willkürliche  des  Handels  in  eine
bestimmte  Form.  Der  Betrieb  wurde  rationeller,  aber  das  Risiko  bezüglich  des  Absatzes ­
  war  ein  ungleich  größeres.  Man  konnte  schneller  reich  werden,  aber  auch
schneller  verarmen.  Der  Betrieb  eines  Handelsgeschäftes  verlangt  heute  eine  regelrechte ­
  und  ziemlich  umfangreiche  Fachbildung  und  bedingt  außerdem  eine  Kenntnis
der  verschiedenen  den  Handel  regelnden  Gesetze  (Wechselordnung,  Gewerbeordnung,
Handelsgesetzbuch).  Die  Fracht-  und  allgemeinen  Unkostenberechnungen  sind  zu  einem
der  wichtigsten  Faktoren  bei  der  Gewinnberechnung  geworden,  seitdem  der  Einkauf
und  der  Verkauf  keine  großen  Spannungen  mehr  gegenüber  der  Konkurrenz  läßt.
Es  dringt  in  den  Handelsbetrieb  geradezu  ein  arithmetisches  Prinzip  hinein,  gegen
dessen  Gesetz  niemand  ungestraft  sündigt.  Man  muß  mit  der  Tatsache  rechnen,
daß  der  ordnungsmäßige  Betrieb  eines  größeren  Handelsgeschäftes  heute  genau  so
            
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