2. Die Risiken des Kaufmanns.
169
unterworfen sind. Im Jahre 1910 fiel der Preis für Rohzucker von Jl 16,— auf
M. 8,— die 50 kg; dagegen stieg der Preis für Rohkaffee von 35 auf 57 Pfg. das
Pfund. Es gibt im weiten Umfang des Warenhandels nur sehr wenig Artikel, deren
Preis nicht großen Schwankungen unterworfen wäre; diese Schwankungen sind
um so größer, je weniger die betreffende Ware sich vom Zustand des Rohproduktes
entfernt hat, während die Preisschwankungen sich verkleinern, je weiter das Produkt
auf der Stufenleiter der Verarbeitung fortschreitet, bezw. sich dem endgiltigen
Verbrauchszustand nähert. Erwägt man nun, welche gewaltigen Vorräte der Welt
wirtschaft und mit ihr dem Handel jederzeit zur Verfügung stehen müssen, — z. B.
bei Wolle der Weltbedarf für annähernd zwei Jahre, für amerikanische Baumwolle,
brasilianischen Kaffee für mindestens ein Jahr — so kann man leicht berechnen,
daß Preisschwankungen z. B. von 10 % den Wert der jederzeitigen Warenvorräte
um enorme Summen verändern.*) Da nun jedes Glied des wirtschaftlichen Orga
nismus, das für kürzere oder längere Zeit einen Warenvorrat sich zugeeignet hat,
bei jeder Preisschwankung gewinnt oder verliert, so trägt es ein Risiko, das,
abgesehen von dem in Betracht kommenden Quantum, um so größer wird, je länger
der Zeitraum zwischen dem Ankauf bezw. der Erzeugung und dem Verkaufe bezw.
dem Verbrauche ist, und je größere Preisschwankungen der Weltmarkt für den be
treffenden Artikel aufweist. Wenn nun auch der Handel Einrichtungen getroffen hat,
durch welche es dem einzelnen Kaufmann möglich ist, sein Risiko auf andere ab
zuwälzen,**) so ist es doch klar, daß dadurch das Risiko keineswegs verschwindet,
sondern nur auf andere Weise unter die am Gesamthandel teilnehmenden Glieder
verteilt wird. Hieraus ergibt sich ohne weiteres der Schluß: Das Preisrisiko wird
für jedes einzelne Glied um so kleiner, je größer die Zahl der risikotragenden
Zwischenglieder ist. Jedes neue Glied, das in den Kreislauf der
Waren eingeschaltet wird, übernimmt einen Teil des Gesamt
risikos, vermindert somit das der anderen Glieder; umge
kehrt muß das Risiko, das bisher ein Zwischenglied getragen
hat, von demjenigen Glied übernommen werden, das an
dessen Stelle treten will, bezw. jenes ausschaltet.***) Hieraus
folgt: Wer direkt kauft, bezw. verkauft, übernimmt auch ein
größeres Preisrisiko.
2. Das Kreditrisiko. Jedes selbständige Glied, durch dessen Hand die
Ware geht, ist einmal Käufer und einmal Verkäufer; vollzieht sich der Kauf nicht
Zug um Zug, so entstehen Kreditverhältnisse; jedes Glied wird durch Kauf und
Verkauf einmal Schuldner und einmal Gläubiger. Für den Gläubiger entsteht ein
Kreditrisiko, das im allgemeinen — unter sonst gleichen Verhältnissen — um
so größer wird, je länger die zeitliche Trennung zwischen Kauf und Zahlung und
je größer die räumliche Trennung zwischen Gläubiger und Schuldner wird. Wird
also durch Ausschaltung bestehender Glieder der Handelsorganisation auch je ein
Gläubiger- und Schuldverhältnis ausgeschaltet, somit scheinbar das Gesamtrisiko
*) So wurde z. B. festgestellt, daß im Jahre 1907, das für fast sämtliche Waren sehr starke
Preissteigerung aufwies, der Marktwert sämtlicher Seidenvorräte um ca. 600 Millionen M
größer war als in den Vorjahren (auf die gleiche Menge bezogen).
**) Gemeint ist der Terminhandel, f. S ch ä r a. a. O. S. 306. — G. M.
***) Wir wollen jedoch nicht unterlassen, darauf aufmerksam zu machen, daß bei Aus
schaltung sämtlicher Zwischenglieder ein anderes Ergebnis möglich ist: Ausschaltung des Ein
flusses des Weltmarktes und damit auch der Preisschwankungen überhaupt, ein Zustand, der
beim Petroleumhandel erreicht ist. Unstreitig ist es aber für die Gesamtwirtschaft besser,
wenn der Preis vom Weltmarkt und nicht von einer kapitalistischen Großmacht, einer
Monopolgesellschaft, abhängig ist.